Stabil oder mobil

Bild der 2. Woche - 9. bis 15. Januar 2012

Alexander Calder, links: La botte, 1959, Eisenblech, schwarz bemalt, Höhe 195 cm rechts: Thirteen Spines, 1940, Stahlblech, Aluminium, Eisendraht, Stahlstangen, schwarz bemalt, ca. 220 x 220 cm, beide Köln, Museum Ludwig

Alexander Calder (1898-1976) gilt als amerikanischer Künstler, auch wenn er in den Jahren 1926-1933 in Paris lebte und immer wieder mit seinen Werken in Europa vertreten war, so etwa 1955 und 1959 auf der documenta in Kassel. Neben frühen Gemälden und Tierfiguren werden mit seinem Namen vor allem abstrakte Skulpturen verbunden, denen er sich unter dem Einfluss von Piet Mondrian zuwandte. Calder entwickelte seine Formen u. a. aus den biomorphen Gestalten von Miró, Hans Arp und Alberto Giacometti. Um 1930, als astronomische Entdeckungen Schlagzeilen machten und sich in seinem Schaffen niederschlugen, interessierte sich Calder für kosmische Formen in den Werken von Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy. Zwei „Werkgruppen“ lassen sich in seinem Schaffen finden, bewegte und unbewegte Konstruktionen. Während Marcel Durchamp 1932 die bewegten Konstruktionen Calders Mobiles taufte, bezeichnete Hans Arp die unbeweglichen plastischen Arbeiten im selben Jahr als Stabiles. Die ersten Stabiles stellte Calder 1931 in Paris aus; 1941 folgten die ersten größer dimensionierten Skulpturen dieses Typs, die später teils monumentale Ausmaße erhielten. In seiner Skulptur La Botte (Der Stiefel, im Bild links), die sich aus mehreren scherenschnittartigen, schwarz bemalten Formflächen im Raum entfaltet, läßt Calder die ästhetischen Mechanismen seiner Mobiles gewissermaßen in umgekehrter Weise zu einer mobilen Wirkung gelangen. Nicht luftige Drehungen führen dem Betrachter den Aspektreichtum der Komposition vor Augen, sondern diese erschließen sich beim Stabile allein durch das eigene Umschreiten der Skulptur. Ein sinnliches Gefühl für das Phänomen des scheinbar leeren Raumes entwickelt sich beim Wahrnehmen der in gestaffelter Abfolge sich darbietenden stehenden Flächen, die sowohl zum umkreisenden Entdecken als auch zur assoziativen figürlichen Deutung animieren. Das Mobile Thirteen Spines (Dreizehn Stacheln, im Bild rechts) entstand 1940, acht Jahre nach Alexander Calders erster Mobile-Ausstellung 1932 in der Galerie Vignon in Paris. Seiner Ansicht nach sollen die Stacheln kein räumliches Volumen umschreiben, sondern die Spur einer Vibration hinterlassen. Wie er 1932 in einem Brief an Marcel Duchamp schrieb, strebte er mit seinen abstrakten Konstruktionen danach, „bewegte Mondrians zu machen“. Doch erst später übernahm Calder dessen „neoplastische“ Farbskala: die Grundfarben Rot, Blau, Gelb sowie Schwarz und Weiß. Calders akkurat durchdachte Konstruktionen schweben wie auch Thirteen Spines an einem Faden hängend frei im Raum und entwickeln - durch Luftströmungen in meditativ ruhige Bewegung versetzt - beständig neue Positionen und Konstellationen ihrer beweglichen Einzelelemente. Seinen formreduzierten, aus geometrischen Flächen konstruierten und von Feingefühl für Gleichgewichts- und Gravitationsmechanismen zeugenden Mobiles vermeint man anzusehen, dass Calder zunächst Ingenieur-Wissenschaften studierte, bevor er sich der Kunst zuwandte.

Museum Ludwig