Ergriffenes Lauschen

Bild der 48. Woche - 28. November bis 4. Dezember 2011

Johann Peter Hasenclever - Abendgesellschaft, 1850, Öl auf Leinwand, 33 x 47 cm; Wallraf-Richartz-Museum, WRM 1127

Das kleine Gemälde entstand 1850. Hasenclever hat die Szene in einem vornehmen Salon mit reicher Wandgliederung angesiedelt. Eine nobel gekleidete, festliche Gesellschaft hat sich um einen Flügel versammelt. Der Lichtkegel einer darüber hängenden Lampe schafft eine anheimelnde Atmosphäre und schließt zugleich die Musizierenden und das Auditorium zu einer kreisartigen Komposition zusammen. Aufgeschlagene Notenblätter dienen zusätzlich als Reflektoren und lassen die Gesichter der Teilnehmenden deutlich erkennbar werden. Der Pianist, ein älterer, beleibter Herr, ist mitten im Spiel begriffen. Rechts neben ihm steht die Sängerin, aus erhobenem Notenheft vortragend, und hinter dem Flügel links steht der Sänger, der ebenfalls vollen Einsatz zeigt. Ein Duett wird also dargeboten. Es scheint ein beliebtes und auch ergreifendes Lied zur Aufführung zu gelangen, denn die Wirkung es Liedes auf die Zuhörerschaft ist eine ganz außerordentliche. Genießerisch hat sich ein stark beleibter Herr, der den besten Platz direkt vor der Sängerin besetzt hält, zurückgelehnt, um mit verzücktem Lächeln behutsam den Takt zu schlagen. Ein Offizier mit Teetasse und Gebäck in den Händen hat sich interessiert vorgebeugt, noch immer in schneidiger Haltung, doch ganz dem musikalischen Geschehen hingegeben. Ein anderer Zuhörer auf der hinteren Tischseite stützt seinen Kopf elegisch auf und lauscht dem Vortrag mit voller Hingabe. Zeichen der Rührung sind überall zu bemerken. Und selbst der Hund im Vordergrund des Bildes hat sich auf seine Hinterpfoten gestellt, und man kann nur hoffen, daß nicht auch er sich zu den Vortragenden rechnet und die Melodie klagend untermalt. Es ist unschwer zu erkennen, daß Hasenclever in seiner Komposition den Versuch unternimmt, zu karikieren. Die von ihm dargestellte Szene mag sich genau wie im Bild abgespielt haben, doch fehlt keiner Figur die notwendige geringfügige Übertreibung, die erforderlich ist, um alles ins Rutschen zu bringen und aus der Darstellung einer künstlerischen Abendunterhaltung eine Verspottung des musikalischen Ignorantentums zu fabrizieren, dem der gereichte Tee und das gesellschaftliche Ereignis in Wirklichkeit viel wichtiger sind als die Musik und das daher gleichsam zur Tarnung überzogene und damit falsche Ergriffenheit zur Schau stellt. Diese ironisierende Kritik pathetischer Gesten ist in der Malerei eigentlich erst seit dem früheren 19. Jahrhundert möglich und findet sich erstmals in programmatischer Absicht in Hasenclevers Werk.

G. Czymmek