Vor 548 Jahren gestiftet

Bild der 49. Woche - 5. bis 11. Dezember 2011

Meister der Lyversberg-Passion, Marienaltar, datiert 1463, Eichenholz, Mitteltafel 154 x 183 cm, Flügel je 154 x 83 cm, Pfarrkirche St. Marien, Linz am Rhein
Verkündigung, linker Außenflügel des Marienaltars, Leinwand auf Eichenholz, 154 x 83 cm.
Kanonisches Kreuzigungsbild mit Stifter, rechter Außenflügel des Marienaltars, Leinwand auf Eichenholz, 154 x 83 cm.

Der Linzer Altar ist einer der wenigen komplett erhaltenen großformatigen Hauptwerke der Kölner Malerei in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. das zugleich noch heute seine liturgische Funktion erfüllt. Der Marienaltar wurde ursprünglich für die Ratskapelle in Linz am Rhein gestiftet und befindet sich seit 1967 als Hochaltar in der dortigen Marienkirche. Gleichzeitig ist der Altar ein Beispiel für den Handel mit Kölner Bildwerken über die Stadtgrenzen hinaus zu seiner Entstehungszeit. Das Triptychon, das ausführliche Szenen aus dem Leben Mariens thematisiert, wurde üblicherweise an den Werktagen und zur Fastenzeit geschlossen gezeigt, während an den Sonn- und Feiertagen die hier gezeigten prächtigen Innenseiten präsentiert wurden. Die Innenseite des linken Flügels stellt die Verkündigung an Maria dar, das obere Register der Mitte zeigt die Geburt Christi und die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Beide Szenen werden von einer dünnen Holzleiste getrennt, doch hat der Maler sie in eine durchlaufende Architekturkulisse eingestellt. Selbst ein Ärmel des links stehenden Königs der Anbetung reicht in den Bildraum der Geburtsszene hinein. Im unteren Teil der geviertelten Mitteltafel befindet sich neben der Darbringung im Tempel eine Darstellung der thronenden Maria an der Seite ihres Sohns. Auf dem rechten Flügel wird die Pfingstszene (unten) mit der Marienkrönung (oben) kombiniert. Der geschlossene Altar zeigt mit einer weiteren Verkündigung (!) und der Kreuzigung Beginn und Ende des irdischen Lebens Christi. Anstelle des Goldgrunds, wie sie auf der festlichen Innenseite zu sehen ist, werden der beiden äußeren Szenen von Landschaften hinterfangen. Die zweite Verkündigungsszene auf der linken Außenseite hat Anlass zu der Vermutung gegeben, dass es nach dem Tod des vermutlichen Auftraggebers Tilmann Joël (†1461) zu einer Unterbrechung der Malarbeiten kam, woraufhin das Programm später geändert bzw. vereinfacht vollendet wurde. Ein ursprünglicher Plan lässt sich jedoch nicht konstruieren, da sich die Zusammenstellung der Szenen nicht eindeutig einem Marienzykus wie etwa den Sieben Freuden Mariens zuordnen lässt. So bleibt die Annahme, dass die beiden Verkündigungen im jeweiligen Bildzusammenhang der verschiedenen Zustände des Altars zu sehen sind. Gudrun Pamme-Vogelsang schlug zuletzt die Orientierung des inneren Programms an den auf die Wochentage verteilten Stundengebeten vor. Der nur unter einem Notnamen bekannte Schöpfer des Altares, der Meister der Lyversberg-Passion, gehört zu einer Gruppe von Künstlern um den sog. Meister des Marienlebens, welche die Kölner Tafelmalerei unter niederländischen Einflüssen modernisierten. Die Wirkung des Columba-Altars des Rogier von der Weyden für die Kölner Pfarrkirche St. Columba (München, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. WAF 1189) lässt sich bis in einzelne Kompositionselemente des Linzer Altars wie die Rückenfigur in der Anbetung der Könige verfolgen. Aber auch Stefan Lochner wirkt in diesem Retabel des Meisters der Lyversberg-Passion nach: Die hintere Magd in der Darbringung im Tempel ist mit ihrem seitlich geneigten Kopf eine Figurenübernahme aus Lochners Tafel in Darmstadt (Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Inv.-Nr. GK 24).

I. Metje