Das Krallenwesen

Bild der 50. Woche - 12. bis 19. Dezember 2011

Germaine Richier, das Krallenwesen (Le griffu), 1952, Bronze, Höhe 91 cm, Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 76/SK 0247

Ein zerklüfteter, ausgezehrter Körper mit überlangen Gliedmaßen beugt sich hölzern in den Raum hinab. Das zur Seite geneigte Haupt gleicht einem Schakalkopf, Hände und Füße sind mit schlängelnden Krallen bewaffnet. Der Anblick des Krallenwesens ist furchteinflößend und dennoch sucht man, auf Grund der anthropomorphen Proportionen, unter der verbrannten Kruste des Körpers eine menschliche Existenz. Der Betrachter der bronzenen Plastik Le Griffu wird zum Zeugen einer grausigen Metamorphose von Mensch und Tier. Obwohl der starre, fast in die Senkrechte gestreckte (Tier-)Rücken das Wesen scheinbar auf alle Viere zu zwingen versucht, steht das Krallenwesen auf zwei Beinen, das heißt, es scheint im Begriff eine Bewegung zu vollziehen. Infolgedessen hebt es den Fuß des rechten gebeugten Beines zaghaft vom Grund ab. Die langen Arme hat es indes von sich gebreitet. Doch die in den Raum greifenden Gebärden, wie auch die gesamte Haltung des Wesens, wirken ungewandt, fast statisch. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die geraden Drahtverspannungen zwischen Händen und Füßen, welche als geometrische Konstruktion die organische Präsenz des Wesens zwar vergrößert, ihm jedoch einen dynamischen Bewegungsablauf versagt. Die Tatsache, dass sich das Krallenwesen als „Drahtzieher“ seine Schranken selbst setzt mutet zunächst widersprüchlich an. Allerdings kann das starre Drahtgerüst auch als eine Art Stützvorrichtung zu Stabilisierung des bedürftigen Körpers verstanden werden. Die Künstlerin veranschaulicht somit keine Bewegung, sondern vielmehr das Streben nach Bewegung eines unbeweglichen Körpers. Die Kontrastierung und Verschmelzung wesensverschiedener Elemente ist ein essentieller Bestandteil der Plastik. Dadurch werden dem Werk vielschichtige und sensibel ineinander überleitende Deutungsebenen verliehen. Auf formaler Ebene setzt Richier so etwa das geometrische Konstrukt aus glatten Stäben gegen den organischen Körper mit seiner unregelmäßigen, porösen Oberflächenstruktur. Das Volumen der wenigen schwellenden Körperpartien wird gegen die Leere des ausgehöhlten Leibes und seiner ausgezehrten Glieder-, aufstrebende gegen abfallende Geraden und Körperpartien-, gestreckte gegen gebeugte Gliedmaßen gestellt. Dabei beruht die gesamte Komposition auf Asymmetrie. Die formalen Gegensätze werden inhaltlich fortgesetzt. Richier lässt tierische, fast dämonische Attribute mit der menschlichen Physiognomie verschmelzen und erschafft damit ein groteskes Wesen, das sowohl gefährlich ist - das Drahtnetz kann in diesem Kontext ebenso als Fangnetz aufgefasst werden - als auch, unfähig sich zu bewegen, machtlos und verletzlich wirkt. Trotzdem agiert die ausgemergelte Kreatur im umliegenden Raum, der sie angreift und zu verzehren droht, indem sie mit Hilfe des Drahtgeflechts Raum einfängt und sich somit ein eigenes imaginäres Raumvolumen schafft. Überdies hinaus akzentuiert die Bildhauerin in der Gegenüberstellung des vergehenden Körpers mit einer unvergänglichen geometrischen Konstanz die Zeitlichkeit des lebendigen Daseins. Das Werk der französischen Bildhauerin Germaine Richier (1902-1959) zählt zu den bedeutenden Beiträgen moderner Skulpturen in den Jahren der Nachkriegszeit. Vor dem Kontext existenzialistischer Strömungen widmet sich die Künstlerin vor allem den Fragen nach den Grundbedingungen des Menschseins. Was jedoch bleibt vom Menschen nach den Schrecken des zweiten Weltkriegs? Hier ist es ein entfremdetes, zerklüftetes Hybridwesen, ein erstarrtes Ungeheuer, das sich an ein Gerüst bindet, welches es gleichsam am Fortschreiten hindert. Auf diese Weise macht Richier das Krallenwesen zu einem dauerhaften Zeitzeugen, der stillschweigend aber eindringlich das Entsetzen und die Fassungslosigkeit, welche die Kriegsjahre über Europa brachten, dokumentiert und zugleich die tiefe Erschütterung im Glauben an Fortschritt und menschliche Vernunft zum Ausdruck bringt. Die Plastik bezieht damit durchaus einen Standpunkt von zeitloser Aktualität. Das Krallenwesen bildet den figürlichen Kern der Ausstellung „Vor dem Gesetz“, die ab dem 17. Dezember im Museum Ludwig zu besichtigen ist. Ausgehend von den Skulpturen der Nachkriegszeit werden hier künstlerische Positionen zum Menschsein und zur Menschlichkeit bis in die Gegenwart in Dialog zueinander gestellt.

I. Ciesielski