Von der Gaffel zur Handelskammer

Bild der 16. Woche - 21. bis 28. April 2003

Typar der Gaffel Eisenmarkt, Köln, 1396 Umschrift: s der geselschaf up me ysermarte Silber, Dm: 5,6 cm, Kölnisches Stadtmuseum HM 1888/9 = S 22 rechts unten: Detail, digitale Umkehrung in Graustufen

Dieses Typar - d. i. ein Siegelstempel - gehört zum Urbestand des Kölnischen Stadtmuseums. Das Siegel der Kaufleute-Gaffel mit dem Namen Eisenmarkt erscheint erstmals am Verbundbrief von 1396. Der Siegelstecher war einer der modernsten Künstler seiner Zeit, vergleichbar den Künstlern der toskanischen Proto-Renaissance. Der Kopf auf dem Siegel stellt vielleicht einen Kaufmann dar. Er scheint aber auch den etwas später entstandenen Prophetenstatuen im Kölner Rathaus verwandt zu sein. Kölner Männer mit ähnlichen beruflichen und politischen Interessen, besonders solche aus dem Kaufmannsstand, hatten sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts regelmäßig zu großen, dem Meinungsaustausch dienenden Essen getroffen. Die Bezeichnung "Gaffel" leitete sich von der bei diesen Tischgesellschaften benutzten Tranchiergabel ab. Die Gaffel Eisenmarkt trat erstmals beim Kampf gegen einen neuen Zoll an einem der Kölner Stadtmauer-Türme, dem Bayenturm, öffentlich auf. 1365 wird sie auch urkundlich erwähnt als "gaffelen super foro ferri". Hier waren die von Meistern angeführten Kaufleute rund um den Heumarkt zusammengefasst, die mit dem risikoreichen Fernhandel große Vermögen erworben hatten, aber von der politischen Herrschaft ausgeschlossen waren. Der Sturz der Geschlechterherrschaft in Köln im Jahr 1396 war vorwiegend das Werk der Kaufleute-Gaffeln Eisenmarkt, Himmelreich und Windeck. Im Anschluss bildeten auch die Zünfte - in Köln Ämter genannt - durch teilweise recht willkürliche Zusammenschlüsse politische Korporationen. Der Verbundbrief, die geschriebene zunftdemokratische Kölner Verfassung vom 14. September 1396, definierte die Kölner Gemeinde als Summe von 22 Gaffeln: 5 Gaffelgesellschaften und 17 neue Ämter (später ebenfalls Gaffeln genannt) verbanden sich, einem Rat der Stadt Köln stets "beiständig, getreu und hold" zu sein und übertrugen ihm die obrigkeitliche Gewalt. Jeder Bürger musste einer Gaffel "beigeschworen" sein, also dort den Bürgereid leisten. Die Gaffeln ihrerseits entsandten die Ratsherren, die wiederum die beiden Bürgermeister wählten. Am 7. September 1797 wurde der Stadtrat durch die französische Magistratsverfassung ersetzt. Die Zünfte und mit ihnen die Gaffeln wurden am 26. März 1798 aufgehoben, die Gewerbefreiheit eingeführt. Mit der Errichtung einer amtlichen Kölner Handelskammer durch die Französische Republik am 27. April 1803 und ihrer Gründungswahl durch 60 der angesehensten Kölner Kaufleute am 24. Mai 1803 - private Vorläufer hatte es seit November 1797 gegeben - musste auch dem letzten Nostalgiker klar geworden sein, dass es kein Zurück zur alten zunftdemokratischen Ordnung mehr geben würde.

R. Wagner