Chicago am Rhein

Bild der 52. Woche - 26. Dezember bis 01. Januar 2012

Revolver-Gewehr, Länge: 67 cm (mit gekürztem Schaft), Kaliber: .357 Magnum, Köln Kölnisches Stadtmuseum
Hans Krauss mit Bandenboss Kurt Vicenik, der das Revolvergewehr in der Hand hält. Pressefoto. Kölnisches Stadtmuseum

Die merkwürdige Schusswaffe – ein so genanntes „Revolver-Gewehr“ – sieht aus wie eine Waffe aus wilden Western. Ganz falsch ist die Assoziation nicht. Diese Waffe hat in Köln vor genau 40 Jahren Geschichte geschrieben: am 27. Dezember 1971. Damals galt Köln mit seiner Kriminalitäts-Statistik als „Chicago am Rhein“. Doch nicht von Dummse Tünn oder Schäfers Nas ist hier die Rede und auch nicht vom „Kölschen Milieu“ aus Prostitution, Glücksspiel oder Hehlerei. Es ging um mehr: um die ersten bewaffneten Banküberfälle mit brutalen Geiselnahmen. Die erfolgten im August 1971 in München, im Dezember in Köln. Der „Spiegel“ widmete dem Kölner Ereignis eine Titelgeschichte: „Schwerbewaffnete Banditen am hellichten Tage auf dem Domplatz zu Köln; Bankräuber, die vor Tausenden Zuschauern den Kripo-Chef der Stadt fesseln und herumkommandieren (…) Verbrecher, die sich nach frischer Tat von unbewaffneten Polizei-Geiseln vom Tatort chauffieren lassen (…) – das war noch nie da.“ Das Kölner Drama von 1971 ging gut aus. Kriminaldirektor Hans Werner Hamacher überzeugte die Räuber davon, die Frau freizulassen und stattdessen ihn selbst als Geisel zu nehmen. Ebenfalls beteiligt war Schutzpolizei-Oberrat Hans Krauss. Der Überfall endete nach abenteuerlicher Flucht und Verfolgung mit der Überwältigung und Festnahme der Räuber. Hamacher bekam für seinen mutigen Einsatz das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Er wurde 1971 Leiter der Kölner Kripo, 1974 des Landeskriminalamts NRW und verstarb im Juni 2011. Sein Kollege Krauss übergab vor seiner Pensionierung zahlreiche Objekte und Uniformteile der Kölner Polizei dem Kölnischen Stadtmuseum – vor allem aber die damalige Tatwaffe der Bankräuber, das „Revolver-Gewehr“. Sicher nicht, weil sich das Stadtmuseum im historischen Zeughaus befindet, der ehemaligen „Waffenkammer“ der Freien Reichsstadt Köln. Sondern um an die Ereignisse des 27. Dezember 1971 zu erinnern, als die noch junge Bundesrepublik durch Geiselnahmen erstmals erschüttert wurde – als noch keiner ahnen konnte, was später folgte: weder die Entführung des dann ermordeten Hanns-Martin Schleyer durch die RAF in Köln im Herbst 1977, noch das in der Kölner Innenstadt medial begleitete grausame „Gladbecker Geiseldrama“ von 1988. Das Kölner „Revolver-Gewehr“ von 1971 markiert den Anfang. Unnötig zu erwähnen, dass unsere Waffe unter polizeilicher Aufsicht unbrauchbar gemacht wurde. Sie ist noch bis zum 18. Februar zu sehen in der Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum, in der es auch um die Geschichte der Kölner Polizei geht: „drunter und drüber. Der Waidmarkt“.

M. Kramp