Geburt Christi

Bild der 51. Woche - 19. bis 25. Dezember 2011

Geburt Christi, Köln um 1150, Walrosszahn, 14,1 x 10,8 cm, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. B 104
Detail

Diese aus Walrosszahn geschnitzte Geburt Christi wurde aus zwei Teilen zusammengesetzt. Deutlich kann man erkennen, dass das Relief einst ein umlaufendes Rahmensystem hatte. Auch sieht man noch diverse Bohrlöcher zur Befestigung von Rahmenleisten oder zur Fixierung des Täfelchens auf einem Untergrund. Bis auf kleinere Ausbrüche und Verluste im Bereich vollplastisch gearbeiteter Gliedmaßen ist die Darstellung in gutem Erhaltungszustand. Die Geburt Christi ist in eine idealisierte Stadtarchitektur eingebettet, die in Form einer siebentürmigen Stadtmauer die Geburtsszene einschließt und als Hinweis auf die Stadt Bethlehem verstanden werden darf. Maria liegt als Wöchnerin auf einem langen Kissen und hat ihre rechte Hand zur Krippe mit dem Jesuskind ausgestreckt. Diese befindet sich fast waagerecht über ihr leicht nach links aus der zentralen Bildachse verschoben. Das fest gewickelte Jesuskind liegt in der altarähnlichen Krippe mit drei kleinen Rundbogenfenstern an der Frontseite, während die Köpfe von Ochs und Esel – ebenfalls in diese „Krippenarchitektur“ eingebunden – durch zwei größere Fenster direkt auf das Kind hinab zu blicken scheinen. Der zu Füßen Mariens sitzende Joseph stellt das kompositorische Gleichgewicht der zentralen Figurengruppe auf der rechten Seite dar. Seine an den Kopf gelegte rechte Hand deutet auf die Zweifel des Nährvaters an der jungfräulichen Geburt. Außerhalb des Mauerrings verkündet ein Engel den Hirten die Frohe Botschaft von der Geburt des Gottessohnes. Die Hirten und ihre Herde sind von dem Schnitzer in kleineren Dimensionen als die Figuren der zentralen Geburtsszene dargestellt, um damit eine klare Hierarchie in der Bedeutung zum Ausdruck zu bringen. Am oberen Reliefrand ist der rosettenartige Bethlehemitische Stern zwischen zwei Engeln zu sehen. Die wesentlichen stilistischen Merkmale dieser Geburtsdarstellung sind die partiell vollplastischen Figuren, deren Köpfe und Gliedmaßen sich deutlich vom Grund gelöst haben, die wohldurchdachte räumliche Komposition der Szene, der Detailreichtum sowie v. a. die charakteristische Akzentuierung von Gewandfalten, Säumen, Nimben und einiger anderer Umrisslinien durch schmale Kerbschnittbänder, die mit dem Stichel ausgeführt wurden (s. Bild rechts). All diese Merkmale finden sich übereinstimmend auch bei den übrigen zu dieser Gruppe gehörenden Reliefs, die deshalb unter dem Namen Gestichelte Gruppe in die Forschung eingegangen sind. Gefertigt wurden sie allesamt um 1150 in einer Kölner Werkstatt, von der einige Zeit lang angenommen wurde, dass sie entweder im Deutzer Heribertkloster oder in Groß St. Martin ansässig gewesen sei – eine Hypothese, die nie bestätigt werden konnte. Zu den kleineren Reliefs der Gestichelten Gruppe gehören noch die ebenfalls im Museum Schnütgen bewahrten Darstellungen der Kreuzigung mit Maria und Johannes (Inv.-Nr. B 102) und der drei Frauen am Grab (Inv.-Nr. 103), die Himmelfahrt Christi aus dem Victoria and Albert Museum in London sowie zwei fragmentarisch erhaltene Reliefs der Verkündigung und der Pfingstszene im Berliner Bode-Museum (Inv.-Nr. 610 und 611). Unter der Bezeichnung Größere Gestichelte Gruppe wird eine zweite, ikonografisch mehrheitlich übereinstimmende Serie an Walrosszahnschnitzereien geführt, deren fünf zugehörige Reliefs etwas größere Dimensionen aufweisen und heute im Metropolitan Museum in New York (Drei Marien am Grab, vgl. Kat.-Nr. 15; Der ungläubige Thomas, Inv.-Nr. 41.00.202) und London (Geburt Christi, Inv.-Nr. 144-1866; Anbetung der Könige, Inv.-Nr. 145-1866; Himmelfahrt, Inv.-Nr. 378- 1871) bewahrt werden. Diese als Serien angelegten Walrosszahnschnitzereien entstanden vermutlich zur Verkleidung von liturgischen Ausstattungsgegenständen, so z. B. zur Verzierung von Altären oder Kanzeln.

M. Beer