Geheimtipp Nr. 1

Bild der 42. Woche - 17. bis 23. Oktober 2011

Amourette, Frankreich, Mitte des 18. Jahrhunderts, Öl auf Papier und Leinwand, 15 x 16 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 3598

Dank seiner Sammlung von Gemälden und Skulpturen aus dem späten 13. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert gehört das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln (kurz: "Wallraf" genannt) zu den wichtigen Gemäldegalerien Europas. Doch Kölns ältestes Museum zeigt in seinen drei Ausstellungsetagen nur etwa ein Drittel seines Schatzes. Die meisten der rund 2000 Gemälde ruhen im Depot des Hauses, ein Ort, zu dem nur Mitarbeiter Zugang haben, und dies auch nur beschränkt. Anlässlich seines 150-jährigen Bestehens zeigt das Wallraf ab dem 21. Oktober in einer Ausstellung mit dem Titel „Panoptikum“ hunderte (!) Gemälde und Skulpturen aus den Kellern des Hauses, die bis dato noch nie oder nur selten öffentlich ausgestellt waren. Somit können sich die Besucher auf eine einmalige Entdeckungsreise durch 700 Jahre Kunstgeschichte begeben. Dabei haben sie auch die Möglichkeit ihr Lieblingsbild zu küren. Das Gemälde mit den meisten Stimmen wird für ein Jahr in der Ständigen Sammlung zu sehen sein. An dieser Stelle sollen nun in den nächsten Wochen Bilder vorgestellt werden, die in der Ausstellung zu sehen sein werden und die auch als Lieblingsbilder in Frage kommen könnten. Als eines der kleinsten Bilder (15 x 16 cm) wird diese Darstellung einer Amourette unten den hunderten Bildern der Ausstellung nur schwer zu finden sein. Aber es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen. Ein kindliches, mit winzigen Flügeln ausgestattetes Wesen sitzt inmitten von Rosen auf einer Wiese vor blauem, ebenfalls noch durch Rosenbüsche gefülltem Himmelspanorama. Sowohl die zurückgenommene Darstellung des Hintergrundes, das ovale Bildformat als auch der hellere Streifen im oberen und das dunkele Grün im unteren Teil der linken Bildkante vermitteln den Eindruck, als wölbe sich über der Darstellung ein ovales Glas. Das (geschlechtslose) Kind hält in der rechten Hand einen Pfeil, in der linken ein Band und trägt auf dem Rücken einen Köcher. Was es genau mit Pfeil und Band zu tun beabsichtigt, ist nicht genau zu bestimmen. Die Attribute identifizieren es jedoch eindeutig als kleinen Amor, als Motiv der griechischen Mythologie. Das Bild ist mit schneller Hand gemalt. Wenige Striche und Punkte skizzieren die Rosen. Das ebenfalls rosige Inkarnat des kleinen Amor ist mit sicherem Gespür für Licht- und Schattenpartien modelliert. Farbigkeit, Malstil und nicht zuletzt das Thema der Darstellung vermitteln einen Eindruck der Leichtigkeit und der Heiterkeit, wie man sie im Lebensgefühl des Rokoko findet. So ist das kleine Ölbild vermutlich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich entstanden. Das Motiv lässt es als Teil einer Dekorationsmalerei erscheinen. Der Bildträger Papier spricht dafür, dass es sich vielleicht um den Entwurf für ein größeres Gemälde handelt.

T. Nagel