Geheimtipp Nr. 3: Tom Sawyer im Wallraf

Bild der 44. Woche - 31. Oktober bis 6. November 2011

David Gilmour Blythe, Stillleben mit Kinderspielzeug, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen, 30,7 x 38,8 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 2924
Seite mit der Aufzählung der erworbenen Schätze aus dem zweiten Kapitel von Mark Twains Roman „The Adventures of Tom Sawyer“.

Seit dem 21. Oktober zeigt das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln (kurz: "Wallraf" genannt) anlässlich seines 150-jährigen Bestehens in einer Ausstellung mehrere hundert (!) Werke aus dem Depot des Hauses. Normalerweise sind mehr als drei Viertel aller Gemälde dieses Museums hier verborgen. Somit können sich die Besucher in dieser Ausstellung mit dem Titel "Panoptikum" auf eine einmalige Entdeckungsreise durch 700 Jahre Kunstgeschichte begeben. Dabei haben sie auch die Möglichkeit ihr Lieblingsbild zu küren. Das Gemälde mit den meisten Stimmen wird für ein Jahr in der Ständigen Sammlung zu sehen sein. An dieser Stelle stellen wir wieder ein Gemälde vor, welches in der Ausstellung zu sehen ist und so als Lieblingsbild in Frage kommen könnte. Unter der Nummer 302 hängt dieses kleine, auf sehr feine Leinwand gemalte Bild noch bis zum 22. Januar 2012 in der Ausstellung. Finden Sie es dort? Als Werk eines US-amerikanischen Malers stellt dieser bittersüße Abgesang auf die Kindheit (s. Bild der Woche 30/2004) eine große Rarität in der Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums dar. David Gilmour Blythe hatte ein bewegtes Leben und wurde nicht alt. Er war Maler und Bildhauer, Schnitzer und Illustrator, ja sogar Dichter. Von 1837 bis 1840 arbeitete er als Schiffszimmermann bei der US-Navy, anschließend schlug er sich zunächst als wandernder Porträtmaler durch. Dann reiste er mit einem Panorama durch die USA, einem jener (damals auch in Europa überaus beliebten) riesigen Rundum-Bilder, die gegen Eintrittsgebühr gezeigt wurden. Sein „Stillleben mit Kinderspielzeug“ erinnert an eine berühmte Geschichte im zweiten Kapitel von Mark Twains Roman „The Adventures of Tom Sawyer“: Für seine Tante soll Tom samstags bei herrlichstem Sommerwetter einen rund drei Meter hohen und 30 Meter langen Zaun mit Kalkanstrich tünchen, während seine Kameraden sich bei Spiel und Spaß vergnügen. Doch Tom findet einen Ausweg: Er lässt sein Tun so wichtig und interessant erscheinen, dass alle vorbeikommenden Kinder ebenfalls den Pinsel führen wollen. Er ziert sich und macht es spannend, kassiert schließlich von jedem Kind einen Gegenstand, um sich im Tausch dafür die Arbeit abnehmen zu lassen. Genüsslich zählt der amerikanische Autor die bis zum Nachmittag gesammelten Schätze auf – und sein Illustrator zeichnete sie in einer Vignette, die dem Stillleben von David Gilmour Blythe recht ähnlich sieht (s. Bild rechts). Tatsächlich zeigt unser Gemälde auffallend viele der von Mark Twain erwähnten Objekte: im Vordergrund den angebissenen (!) Apfel, mit dem Toms „Fischzug“ beginnt, sodann, dicht beieinander, Murmeln, Maultrommel, Kracher und ein Messer – möglicherweise (wie bei Mark Twain) ohne Klinge. Das Objekt hinten rechts im Dunkeln scheint der im Roman erwähnte zerschlissene Fensterrahmen zu sein. Diese Übereinstimmungen sind nun aber insofern merkwürdig, als der Maler die Geschichte gar nicht kennen konnte: Er starb nämlich 1865, also elf Jahre vor Erscheinen des Romans! Fast scheint es, als ob Mark Twain unser Gemälde kannte und daraus seine Geschichte entwickelte. Vielleicht wusste er ja, dass David Gilmour Blythe sich seinen Lebensunterhalt zeitweise als Anstreicher hatte verdienen müssen…

R. Krischel