Irving Penn: Pablo Picasso 1957

Bild der 24. Woche - 13. bis 19. Juni 2011

Irving Penn, Pablo Picasso 1957, Köln, Gelatinesilber, 34,1 x 34,1 cm, Museum Ludwig ML/F 1977/0591

Porträts des Jahrhundertgenies und Medienstars Picasso gibt es in großer Zahl, denn fast alle berühmten Fotografen haben den Meister der Selbstinszenierung fotografiert. Viele dieser Bilder erzählen von Picassos Privatleben, seinen Lieben und seinem Wunsch nach Theatralik. Immer wieder verkleidet sich Picasso, als Clown, als Popeye oder als Torero. Auf dem berühmten Bild von Irvin Penn, entstanden auf „La Californie“, Picasso riesiger südfranzösischer Villa im Jahr 1975, hat Picasso ebenfalls einen seiner steifkrempigen Filzhüte aufgesetzt und sich in die elegante dunkle, sorgsam bestickte Stierkampf-Mantilla gehüllt. Doch das entstandene Foto zeigt nicht den Verkleidungskünstler Picasso sondern nutzt diese Accessoires, um der Persönlichkeit des Malers auf die Spur zu kommen. Die eine Gesichtshälfte ist verschattet, doch das sichtbare Auge blickt so wach und intensiv, dass es dem Betrachter einen echten Gegenblick zu gewähren scheint. In der dunklen Pupille ist, jedenfalls im Originalfoto, nicht nur das gegenüberliegende Fenster, sondern auch der Fotograf zu erkennen. Irving Penn hat mit diesem Bild ein Meisterwerk geschaffen, eines der wenigen ikonischen Bilder von Picasso, bei denen die Bildsprache des Fotografen sich gegenüber der Inszenierungsabsicht des Künstlers durchsetzt und sie überstrahlt. Dieses Bild wird einer der Höhepunkte der Ausstellung „Ichundichundich“ sein, die ab 23. September im Museum Ludwig fotografische Porträts von Picasso zeigt und der Frage nachgeht, welche Rolle das Künstlerportrait für die Mythenbildung hatte. L. Fritz Gruber, aus dessen Sammlung die Fotografie stammt, hat Penns Picasso-Portät als sein Jahrhundertfoto bezeichnet. Als Hommage an Picasso und den Kölner Fotodoyen Gruber entstand im Jahr 1984 sogar eine Nachstellung der Ikone: Die Kölner Fotokünstler Ulrich Tillmann und Wolfgang Vollmer haben L. Fritz Gruber im gleichen Bildausschnitt portraitiert, ein wenig skeptischer, den Betrachter aber ebenso intensiv fokussierend, blickt hier Gruber unter seiner Hutkrempe hervor (s. hierzu Bild der 25. Woche - 15. bis 22. Juni 1998).

K. Stremmel