"Spin(n)et noch lange den Faden des Lebens"

Bild der 18. Woche - 2. bis 8. Mai 2011

Glasbecher, Böhmen um 1830/40 Höhe 11,8 cm, Museum für Angewandte Kunst, Inv. F 953
 

Drei junge Damen sitzen biedermeierlich gekleidet auf einer Wolke und verrichten Wollarbeiten. Die rechte hält einen Spinnrocken mit Wolle, die noch zu spinnen ist. Die Mittlere spannt den Faden und leitet ihn an die Dritte weiter. Diese nimmt den Faden entgegen, und links seitlich von ihr ist die Spindel zu erkennen. Ein Becher aus klarem Glas wurde mit rubinrotem Glas überfangen, aus dem dann der Glasschleifer die Darstellung so ausgeschliffen hat, daß sie rot umrahmt erscheint. Die Technik des Überfangens war in Böhmen zur Perfektion gebracht worden, weshalb böhmische Gläser berühmt und begehrt waren. Doch kehren wir zur Darstellung zurück. Was wie eine beschauliche Handarbeitsszene aussieht, ist in Wahrheit eine sehr ernste Sache, denn die drei jungen, hübschen Frauen sind Schwestern, Schicksalsgöttinnen. Sie bestimmen die Dauer des menschlichen Lebens. Jetzt wird auch der Sinn des Spruches klar, der sich unterhalb der bildlichen Darstellung befindet: "Spin(n)et noch lange den Faden des Lebens". Die mythische Aufgabe der Schwestern besteht darin, jedem Menschen den Lebensfaden zu spinnen. Mit der Geburt wird der Faden begonnen, und wenn die Zeit des Todes gekommen ist, durchtrennen die Parzen, so heißen die drei Göttinnen, den Faden. Meist wird ihre Aufgabe auf diese Tätigkeit reduziert, doch in der antiken Mythologie, der sie entstammen, teilen sie den Menschen oft auch das Gute und Schlechte im Leben zu, bestimmen also die Qualität des Lebens. Das Wort "Parze" ist vom lateinischen "parca" abgeleitet, doch werden die Parzen üblicher Weise mit ihren griechischen Eigennamen benannt. Ursprünglich verrichteten alle gleiche Arbeiten, doch setzte sich allmählich Arbeitsteilung durch. "Klotho", was "ich spinne" bedeutet, beginnt den Faden. "Lachesis" heißt "Loserin", sie lost aus, wann ein Mensch sterben soll. "Atropos", das ist die "Unabwendbare", sie durchtrennt den Lebensfaden. Gläser, wie das im Kölner Museum für Angewandte Kunst, verschenkte man zu Geburtstagen und anderen Festen, um dem Beschenkten damit ein langes Leben zu wünschen. Atropos fehlt deshalb auch ihr übliches Werkzeug, die Schere zum Durchtrennen des Fadens. Vom späten 18. Jhdt. bis zur Mitte des 19. Jhdts. waren solche Geschenke sehr beliebt, denn seit der Mitte des 18. Jhdts. begannen die Menschen, den Tod aus dem alltäglichen Leben zu verdrängen. Die Parzen waren ein guter Ersatz für das Skelett, mit dem bislang der Tod dargestellt wurde. Und wer schaut nicht lieber hübsche Frauen, als einen furchterregenden Knochenmann an.

Th. Blisniewski