bewegter Abriss

Bild der 17. Woche - 28. April bis 4. Mai 2008

Rotella, Mimmo, Cinemascope, 1962 Leinwand, Décollage, 176 x 135 x 3 cm Köln, Museum Ludwig, ML 10173

Wie die amerikanischen Pop-Art-Künstler war auch Mimmo Rotella (geb. 1918 in Catanzaro, Kalabrien) fasziniert vom Kino, seinen Stars und ihrem medialen Abbild. Doch im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen interessierte sich der Italiener weniger für Glanz und Glamour als für die Abnutzungserscheinungen, die die Allgegenwart der Stars mit sich bringt. 1954 fängt Rotella an, Plakatwänden mit dem Messer zu Leibe zu rücken. Er löst sie von ihrem Träger, zerstückelt sie und klebt die einzelnen Fetzen auf Leinwand, Holz oder Pappe. "Décollage" nennt er diese Technik. Von 1959 bis 1963 bearbeitet Rotella zahlreiche Filmplakate. Cinemascope entstammt der Serie Cinecittà, die sich mit dem gleichnamigen Filmstudio beschäftigt, einer berühmten Produktionsstätte des italienischen Kinos. Das Abreißen und Neu-Zusammensetzen der Plakate durch Übertragen der Papierschichten auf die Leinwand (doppelte Décollage) fördert brisante Mischungen zu Tage: Gesichter, Körper und Schrift aus verschiedenen Schichten ergeben ein neues Bild, das sich - wie das Kinobild - zu bewegen scheint. Bei unserem Bild läßt Rotella einen großen Teil der obersten "Bildebene" unbehelligt, sodass die Körperhaltung, Geste und Blick der Darstellten bestimmend bleiben. In der Tat ist es mehr oder weniger zufällig vorgegeben, welches Motiv und welche Farbe an den Abrissstellen zum Vorschein kommen. Andererseits bestimmt der Autor, an welchen Stellen die oberste Darstellung aufgelöst und verändert wird. Die größten Bearbeitungsspuren rechts neben dem Kopf der Dargestellten laden der Dargestellten eine "schwere Last" auf die Schulter, betonen aber ebenso die durch die Hüft/Oberschenkel-Linie gebildete Bewegung und lassen ihren Arm als "Gegenbewegung" wirken. Der Arm erhält "Schwung" und die Figur Lebendigkeit. Lebensgroß wirkt dieses Werk eindringlich und freundlich zugleich.

T. Nagel