Köln als Modellstadt

Bild der 15. Woche - 14. bis 20. April 2008

Meister der kleinen Passion Das Martyrium der Heiligen Ursula vor der Stadt Köln, 1411-1414 Leinwand, 60 x 179 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 0051

Aus heutiger Sicht wirkt die Darstellung dieser querformatigen Tafel recht eigentümlich: Mordende Krieger neben einem Stadtmodell? Hühnenhafte Krieger, die fast so groß sind, wie der höchste Turm der Stadtbefestigung links neben ihnen? So unwahrscheinlich es klingen mag, sowohl der Begriff des Stadtmodells als auch derjenige des Hühnen kommen der Deutung dieser Darstellung recht nahe. Die Bezeichnung Hüne wird abgeleitet von dem Begriff "Hunne", dem Namen eines Stammes aus dem Osten, der in der Völkerwanderungszeit bis an den Rhein kam. Der bekannteste König dieses der Legende nach riesenhaften Volkes hieß Attila. Und genau dieser Attila soll es gewesen sein, der mit seinen Kriegern Köln belagerte und die mit Schiffen ankommende Heilige Ursula und ihre Gefolgschaft vor den Toren der Stadt umbrachte. Der rechte Teil der Tafel schildert genau diese Szene des Martyriums. Ursula und Attila stehen am Ufer während ein Krieger Pfeil und Bogen auf die Heilige anlegt. Links ist die Stadt Köln dargestellt, sozusagen als Verdeutlichung des Ortes, an dem das Martyrium der Heiligen Ursula stattgefunden hat. Wenn wir vorhin vom Modellcharakter der Stadtdarstellung sprachen, so erinnerte uns die kleine Dimension der Gebäude an ein Modell. Die Modellhaftigkeit der Stadtdarstellung auf unserem Gemälde bezieht sich jedoch auf einen inhaltlichen Aspekt: Bei genauer Beobachtung fällt auf, dass innerhalb der Stadt fast nur Kirchen zu sehen sind. Die Stadt ist also eine Stadt der Kirchen. Bei dieser Art der Darstellung stand das Bild des himmlischen Jerusalems Pate: eine Stadt, umgeben von einer Stadtmauer, in welcher Christus wohnt. Diese himmlische Stadt war im Mittelalter das Modell für die ideale Stadt und das Aussehen Kölns mit seinen über 360 Kirchen und der gewaltigen Stadtmauer von 1180 war bewußt an dieser Modellstadt orientiert bzw. wird hier als Verkörperung dieser Modellstadt dargestellt. Das Bild zeigt uns also - zugespitzt formuliert - kein Stadtmodell, sondern eine Modellstadt. Dass es sich bei dieser Stadt um Köln handelt, wird durch das Martyrium der Heiligen Ursula deutlich. Darüber hinaus hat der Maler sich jedoch auch große Mühe gegeben, einzelne Kirchen architektonisch genau darzustellen. Auffallend ist hier vor allem der Chor des gotischen Domes mit dem goldenen Dachreiter im rechten Teil der Stadt sowie der Turmaufbau von Groß St. Martin, etwa in der Mitte der Stadt, unmittelbar an der Stadtmauer: ein mächtiger Mittelturm mit vier Flankentürmen. Im Vergleich mit dem heutigen Aussehen fehlen nur die Giebel des Mittelturmes. Wie erklärt sich nun die maßstablich eigenartige Verbindung von Martyrium und Stadtansicht? Das Bild entstand in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, zu einer Zeit, in welcher Ursula schon lange zu den sehr verehrten Heiligen der Stadt gehörte. Mit Ihren Gefährtinnen steht sie auf dem Bild fast schützend vor der Stadt. Und indem ihre Gebeine zur Entstehungszeit auf Stadtgebiet innerhalb der Stadtmauer lagen, trug sie mit dazu bei, Köln zu einer heiligen Stadt zu machen. Ein Erklärungsvorschlag wäre demnach, das es sich bei diesem Bild um die Darstellung Ursulas als Stadtpatronin handelt, sozusagen als Gegengewicht zu den allgegenwärtigen Stadtpatronen, den Heiligen Drei Königen. Ursula steht schützend vor der perspektivisch hinter ihr liegenden und daher kleiner dargestellten Stadt steht. Die Stadt als ganze konnte zudem nicht in gleichem Maßstab zu den Personen dargestellt werden. Das Mißverhältnis der Maßstäbe wird jedoch auch dadurch gemildert, daß man das Bild nicht mit der realistischen Sichtweise des heutigen Betrachters ansieht, sondern mit der die Bedeutung mitsehenden Blickrichtung des mittelalterlichen Menschen.

K. KwastekT. Nagel