Die Endeckung eines Meisterwerkes

Bild der 21. Woche - 21. bis 27. Mai 2007

Arnt van Tricht (?) oder Umkreis, Utrecht oder Kalkar, Mondsichelmadonna, um 1525, Eichenholz, holzsichtig monochrom konzipiert (?), spätere Polychromie entfernt, gebeizt, 63,2 x 25 x 15,1 cm, Kölnisches Stadtmuseum, Nachlass Rosa Annacker, geb. Moest, 1951/55, Inv.Nr.: A 292. Foto: Anne Gold, Aachen, (aus Ausst. Kat. Moest 2007)
Marienleuchter im Mittelschiff der Propsteikirche St. Mariae Geburt in Kempen, Doppelmadonna und Engel, dem Kölner von-Carben-Meister zugeschrieben, Polychromie erneuert; Eisenwerk von Johan Spee, vor 1508. Foto Dr. Ulrich Schäfer, Münster
Mondsichelmadonna von Arnt van Tricht aus dem Johannesreatabel in St. Nikolai, Kalkar, Eichenholz, holzsichtig monochrom gefasst, vor 1543, 1945 verbrannt. Foto: Marburger Index: MI02581d06, s. www.bildindex.de

Während der Vorbereitungen zur Ausstellung anlässlich des 100. Todestages des Kölner Sammlers und Bildhauers Richard Moest (1841-1906) kam aus dem Magazin des Kölnischen Stadtmuseums die hier vorgestellte Eichenholzskulptur ans Licht. Zwar stach den Bearbeitern der Ausstellung sogleich die besondere Qualität der Skulptur ins Auge, doch war man sich in der Einschätzung ihrer Entstehungszeit weit weniger einig. Freilich sind nur wenige hervorragende Skulpturen des 19. Jahrhunderts benennbar, die bei allem Bemühen der neugotischen Bildschnitzer um Einfühlung in den als vorbildlich erachteten Stil der Gotik nicht doch auch einen für ihre eigene Zeit typischen Stil verrieten. Nikolaus Elscheid (gest. 1874) jedoch, ein aus der Kölner Domwerkstatt Christoph Stephans (1797-1864) hervorgegangener Bildschnitzer, schuf bisweilen Skulpturen, die in einer kaum fassbaren Weise der Form und ästhetischen Eigenart spätgotischer Werke des 15. und 16. Jahrhunderts gleichen. Elscheids Werken sitzen mitunter bis heute selbst ausgewiesene Kenner spätgotischer Skulptur auf. Da an der fraglichen Madonna zudem Spuren der Schnitztechnik vielfältig interpretierbar waren, versprach allein eine dendrochronologische Altersbestimmung des Holzes eine Klärung. Diese ergab eine frühest mögliche Verarbeitung des Eichenstammes im Jahr 1517. Wahrscheinlicher aber ist ein Fälldatum zwischen 1523 und 1531. Maria steht auf einer mit den Spitzen nach unten weisenden Mondsichel. Unter dieser lugt ein an den Ellenbogen geflügeltes drachenartiges Mischwesen mit behaarten Brüsten und fratzenhaftem Kopf mit Fledermausohren hervor. Maria tritt des Teufels Kopf und hält den Christusknaben diagonal vor ihre Brust. Während ihre linke Hand das Beinchen des Knaben berührt, halten die Fingerspitzen der Rechten einen Apfel, nach dem der Knabe greift. Die vollplastisch ausgeführte, in flachen Faltenschichten gestaltete, nicht ausgehöhlte Figur war entweder Zentrum einer Strahlenkranzmadonna, oder als Schrein- oder Auszugsfigur Teil eines Altarretabels. Die Ausarbeitung der Seiten und der Randpartien der Rückseite, die durchgehende rückseitige Hinterschneidung der unteren Gewandpartien und die auf eine starke Untersicht hin konzipierte Darstellung sprechen für eine im Kirchenraum frei hängende Strahlenkranzfigur. Derartige, in variierender Motivausprägung begegnende Marianen waren in den Alten Niederlanden, am heutigen Niederrhein sowie in Westfalen häufig in Kirchen zu finden. In der Propsteikirche St. Mariae Geburt in Kempen hat sich ein weniger bekanntes Beispiel dieses Typs erhalten (s. Bild rechts). Hier sind zwei rückseitig abgeflachte Marienskulpturen zu einem doppelansichtigen Leuchter verbunden. Umgeben von einem geschnitzten Strahlenkranz inmitten brennender Kerzen der Leuchterarme ist in ihm das Motiv der apokalyptischen Madonna (Apk. 12,1) einprägsam verbildlicht. Stilistisch weist die Skulptur in den Norden der Alten Niederlande. Das kann die zeitlich etwas später anzusetzende, heute zerstörte, aber noch bis zum Zweiten Weltkrieg im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg bewahrte Mondsichelmadonna verdeutlichen, die einst in der zentralen Nische des Johannesretabels (1541–1543) in der für ihre Schnitzaltäre berühmten Pfarrkirche St. Nikolai in Kalkar stand und für Arnt van Tricht (tätig in Kalkar 1528/1529 und 1535–1570) archivalisch gesichert ist (s. zweites Bild rechts). Zu beachten ist das motivisch eng verwandte Arrangement der unterhalb des Knaben drapierten Gewandung. Es stellt in seinen mitunter völlig frei und dynamisch geführten scharf geschnittenen Faltenstreifen eine Fortentwicklung der bereits für die Kölner Madonna charakteristischen Faltenstege und Grate dar, die hier noch stärker grafisch an den Block gebunden bleiben. Der ähnlich scharf geschnittene, metallisch-spröde wirkende Faltencharakter stellt beide in den engsten Entstehungszusammenhang. Richard Moest diente die Skulptur möglicherweise als Modell für eigene Bildwerke. Die Punktierungen auf der Holzoberfläche könnten der Übertragung von Höhenwerten auf den zu bearbeitenden Holzblock gedient haben. Doch muss diese Vermutung solange spekulativ bleiben, bis ein Werk Richard Moests benannt werden kann, das diesem Vorbild folgt.

C. Claser