Rauchen kann tödlich sein...

Bild der 22. Woche - 28. Mai bis 3. Juni 2007

Kawanabe Gyôsai (1868-1912), Die Kurtisane Jigoku (Hölle), Meiji-Zeit, um 1900, Tusche und Farben auf Papier, 100 x 31 cm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. A 11,23
Detail

... mit dieser Aufschrift könnte man das Bild passend überschreiben, und würde es so gut in die aktuelle Diskussion um ein allgemeines Rauchverbot einfügen. Allerdings würde man dem Künstler Kawanabe Kyosai (auch Shojo Gyosai, 1831-1889) damit kaum gerecht werden, da es zu seiner Zeit eine solche Diskussion nicht gab. Hier deutet das Gegensatzpaar Skelett-Schöne Frau wohl eher auf ein beliebtes Vergänglichkeitsmotiv hin. Die historisch bekannte Schöne ist eine Kurtisane und trägt den ungewöhnlichen Namen Jigoku (dt. Hölle). Tatsächlich ist sie von diesem Namen gezeichnet, denn schon als Kind soll sie traumatische Erfahrungen erlitten haben. Von Banditen den Eltern entrissen und an ein Freudenhaus verkauft, fristete sie dort ein trostloses Dasein., Erst durch die Begegnung mit dem exzentrischen Zen-Priester Ikkyu (1394-1481), der wahrscheinlich auch ihr Geliebter war, änderte sich ihr Schicksal. Dieser Abt des Daitokuji-Tempels zu Kyoto bereiste das Land, um auch außerhalb der Tempelmauern Zen zu leben und zu vermitteln. Als er Jigoku traf, war er sofort fasziniert von ihrem Namen. Sie hingegen war von seinem Zen-Verständnis angetan und ließ sich von ihm bekehren. Während ihrer Bekanntschaft tauschten die beiden Gedichte auf höchstem literarischen Niveau aus. Als Beispiel sei hier das Todeshaiku Jigokus genannt: „Verbrenne und vergrabe mich nicht, leg meine Leiche auf ein Feld. Ein verhungernder Hund kann sich satt fressen.“ In der auf Seide gemalten Hängerolle trägt Jigoku ihre Haare hochgesteckt und zu einen traditionellen Zopf gebunden. Der grüne Kimono mit Blumenmuster wirkt für eine Darstellung Jigokus ungewöhnlich, da die Kurtisane meist in sehr bunten Kleidern mit Höllenmotiven gezeigt wird. Sie blickt geistesabwesend in die Ferne, während zu ihren Füßen ein Skelett genüsslich Pfeife raucht.
Der Künstler scheint von der Geschichte Jigokus fansziniert gewesen zu sein, denn auf zahlreichen seiner Bilder hat er sie dargestellt. Mal stellt er Ikkyu an ihre Seite, häufig sind aber Skelette ihre Begleiter. Diese können als Sinnbild für das richtige Verständnis des Zen-Weges verstanden werden. Dazu heißt es im Bi Yan Lu (Niederschrift von der Smaragdenen Felswand, 12. Jh.): „Ein Mönch fragte Xiang Yan: Wie ist es um den Weg? Xiang Yan erwiderte: Das ist wie wenn in einem morschen Baum der Drache summt. Der Mönch fragte weiter: Wie steht es mit einem Menschen, der den Weg lebt? Xiang Yan sagte: Ein Totenschädel mit Augäpfeln darin.“ Die Skelette verweisen somit auf Jigokus Verständnis des richtigen Weges, der in der Überwindung aller diesseitigen Begierden und Illusionen liegt. Auf anderen Bildern von Kawanabe Kyosai vertreiben sich Skelette mit Musik, Schach oder Tanz die Zeit; hier raucht der Knochenmann Pfeife. Kawanabe Kyosai (1868-1912) lebte in einer Zeit großer politischer Spannungen (Übergang von der Edo- zur Meiji-Zeit) und blieb von den Veränderungen in Politik und Gesellschaft nicht unbeeinflusst. Er fertigte politische Karikaturen an, für deren Inhalt er zur Verantwortung gezogen wurde und eine Zeitlang im Gefängnis verbringen musste. Er und seine Kunst waren ein Produkt ihrer Zeit. So wie Japan vor dem Übergang von Tradition zu Moderne stand, so standen auch er und seine Bilder an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Noch immer sind sich Kritiker nicht einig, ob es sich bei ihm um den letzten großen Vertreter der traditionellen oder den ersten großen Künstler der modernen japanischen Kunst handelt.

N. Fasting