Fromme Kaiser

Bild der 19. Woche - 7. bis 13. Mai 2007

Schutzumschlag für ein Sûtra, Aus der Weißen Pagode in Linkes Balin Banner, Seide, Grundgewebe, Stickerei, Länge: 27,7 cm; Breite: 27 cm, China, Liao-Dynastie, 1049 oder früher, Museum von Linkes Balin Banner. ã Foto mit freundlicher Genehmigung des Inner Mongolia Autonomous Region Cultural Relics Bureau of the People’s Republic of China
Detail

Als die Kitan im Jahre 907 die Liao-Dynastie gründeten und ihre Herrschaft über Nordchina festigten, behielten sie nicht nur ihre schamanischen Glaubenstraditionen bei, sondern übernahmen gleichzeitig auch den Buddhismus der weitgehend chinesischen Bevölkerung. Sie sollten sogar große Schutzpatrone dieser Religion werden. Ein Beweis dafür ist die Weiße Pagode in Linkes Balin Banner in der Inneren Mongolei, in der zwischen 1988 und 1992 nach und nach atemberaubende Schätze entdeckt wurden. In der Reliquienkammer in der Nähe der Spitze dieser Pagode wurden nicht nur mehr als einhundert Miniaturpagoden gefunden, sondern auch Textilien wie dieses rote Prachtexemplar. Innerhalb eines von einem Perlband eingefassten Medaillons zeigt die Stickerei einen Reiter auf einem Pferd in vollem Galopp. Man erkennt den Oberkörper des Reiters in Frontalansicht. In den beiden erhobenen Händen hält er jeweils einen Falken. Seine farbenfrohe Robe wird durch eine breite Schärpe zusammengehalten. Seine braunen Stiefel kann man ebenfalls erkennen. Die Ohrenklappen seiner Mütze sind über den Ohren hochgeklappt. Die Bänder, mit denen die Klappen festgezogen sind, flattern in der Luft. In den kälteren Jahreszeiten konnten diese Klappen zum Schutz über die Ohren gezogen werden. Um Reiter und Pferd befinden sich verschiedene Embleme: Perlen, ineinander greifende Münzen, ein Rhinozeroshorn, ein Silberbarren und ein Ornament in Felsenform. Solche Objekte finden sich auch auf Wandmalereien von Liao-Gräbern und könnten die sog. „Acht Schätze“ (Perle, Musikstein, Münze, Rhombus, Buch, Gemälde, Rhinozeroshorn und Artemisiablatt) repräsentieren, die die Kitan als Glückssymbole von den Chineses übernommen wurden haben könnten. Das Perlbandmedaillon taucht oft in der sassanidischen Kunst Persiens auf und besteht gewöhnlich aus einer von einem Perlenband umschlossenen zentralen Figur oder einer Gruppe von Menschen und/oder Tieren. Dieses Motiv erreichte über die Seidenstraßen die chinesische Tang-Dynastie (618-907) und wurde später von den Kitan assimiliert. Doch die Kitan haben ihre eigene Ästhetik und ihren eigenen Formenschatz auf dieses Motiv übertragen. So repräsentiert der Reiter mit Pferd nicht einfach nur einen männlichen Stammesangehörigen der Kitan, sondern zwei für die Kitan-Kultur wesentliche Elemente: das Pferd steht als Symbol für ein nomadisches Leben in ständiger Mobilität (s. Bild der Woche 16/2007) und die Falken beziehen sich auf einen wichtigen Aspekt dieses nomadischen Lebens: Die Jagd - in diesem Fall mit Hilfe von Falken, die bei der Kitan-Elite äußerst beliebt war. Gemäß der offiziellen Dynastiegeschichte nahmen Kaiser und Kaiserin oft an zeremoniellen Jagden teil, bei denen Falken zum Einsatz kamen. Viele Malereien in Liao-Gräbern zeigen Falken. Die Gesetze der Liao-Dynastie erlaubten es sogar gewöhnlichen Menschen und niederen Beamten, Falken zu halten. Die Haltung der hochgeschätzten Gerfalken (falco rusticolus), die aus dem Nordosten importiert wurden, war jedoch ein Privileg der Oberschicht. Doch was hat dies mit dem Buddhismus zu tun? Zum einen wurde das Textil in einem Pagodenschatz gefunden. Zum anderen befinden sich Bänder auf der Rückseite, die vermuten lassen, dass es als Schutzumschlag für ein Sûtra verwendet wurde. Dies spiegelt die zur Liao-Zeit übliche Praxis wider, (möglichst viele) buddhistische Schriften in Pagoden aufzubewahren, denn nach den Vorstellungen der Buddhisten war es um die Zukunft der Religion schlecht bestellt. Sie glaubten, dass das Zeitalter der Gesetzlosigkeit (mofa) gekommen sei, ein düsteres Zeitalter, in dem die spirituellen Fähigkeiten der Menschen einen Tiefpunkt erreichen. Aus diesem Grund schufen die Liao viele buddhistische Bildwerke und kopierten buddhistische Texte, um die buddhistische Lehre über das Endzeitalter hinaus zu bewahren. In diesem fast 1000 Jahre alten Textil verbinden sich nomadische mit Han-chinesischen und buddhistischen Traditionen auf anschauliche Weise.

S. Priewe