Ein Gepäckanhänger

Bild der 18. Woche - 30. April bis 6. Mai 2007

"Verkauft nach Köln" , Anhänger für Frachtstückgut, um 1943/44, Papier, Druck, Buntstift, 6 x 15,5 cm. Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Archiv

Dieser harmlose, abgegriffene Gepäckanhänger mit der Aufschrift "Verkauft nach Köln" ist ein kleines Teilchen im großen Puzzle der Provenienzforschung, die sich mit der Herkunft und dem Verbleib von Objekten in Sammlungen beschäftigt. Bereits seit Mitte der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts ist bekannt, dass während der Zeit des Nationalsozialismus in großem Stil Kunstbesitz aus den Sammlungen der Kölner Museen verkauft wurde, darunter über 600 Gemälde. Wie muss man sich das vorstellen? In Friedenszeiten standen die sogenannten 'Verkaufsbilder' noch in Köln zur Ansicht. Mit Kriegsbeginn wurden die Sammlungen ausgelagert und auf zahlreiche Depots in ganz Deutschland verteilt, um Verluste durch Fliegerbomben zu vermeiden. Das Schloss Gaibach in der Nähe von Würzburg war mit über 100 Räumen eines der größten dieser Depots. Es unterstand der Obhut von Prof. Dr. Wilhelm Ewald, der ab 1943 für die Evakuierung des gesamten Kölner Kunstbesitzes verantwortlich war. Auch er bemühte sich, Abnehmer für die Verkaufsbilder zu finden und bat eine potentielle Kundin, ihm "kurz mitzuteilen, welche Art der Darstellung für Sie in Frage kommt, ob Landschaft, Kostümbild, religiöses Bild und ebenfalls welche Grösse das Bild sein soll sowie in welcher Preislage." (HAStK, Best. 611/84, ungez. Bl.) Im Zeitraum von Oktober 1943 bis März 1944 gelang es ihm, über 125 Gemälde aus Gaibach zu verkaufen. Und wie wir u. a. dank dieses Paketanhängers wissen, wurde die Ware von dort als Frachtgut an die Kunden verschickt. Käufer waren u. a. Kölner Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Verwaltung wie der Oberregierungsrat Robert Beutler, der Fabrikant Dr. Otto Brügelmann, Lilli Suth, geb. Adenauer, die Gattin des Oberstadtdirektors, oder Rudolf Siedersleben und Otto Wolff. Nach dem Krieg hatte der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer gegenüber dem Beigeordneten Dr. Joseph Kroll noch die Hoffnung geäußert, "man wird evt. versuchen müssen, die Verkäufe als nichtig rückgängig zu machen, soweit die Bilder von Inländern gekauft worden sind (HAStK, Acc. 177/355, ungez. Bl.). Diese Vorstellung Adenauers dürfte nicht nur daran gescheitert sein, dass die englische Militärregierung ihn bereits im Oktober 1945 seiner neuerlichen Position als Oberbürgermeister enthob, sondern auch an der Prominenz der Klientel, die die ebenso günstig wie aus ihrer Sicht rechtmäßig erworbene Kunst wohl ungern bei mittlerweile völlig verfallener Währung zum Ankaufspreis zurückgegeben hätte. Man sollte vermuten, diese Erfahrung wäre den Verantwortlichen eine Lehre gewesen und es hätte in der Nachkriegszeit keine weiteren Verkäufe aus Kölner Sammlungen gegeben. Dies ist leider nicht der Fall. Aber das ist eine andere Geschichte...

B. Alexander