Schmerzvoller Tod am Kreuz

Bild der 14. Woche - 2. bis 8. April 2007

Cruzifixus Dolorosus, Köln, Ende 14. Jahrhundert, Korpus Nussbaum, Kreuz Buche; Fassung abgelaugt, 69 x 26 x 14 cm. Museum Schnütgen, Köln, Inv. Nr. A 37
Detailansicht
Cruzifixus Dolorosus von St. Maria im Kapitol, Köln (?), um 1300; Fassung 15. Jahrhundert, Nussbaumholz, gefasst. Köln, St. Maria im Kapitol, nördliche Winkelkapelle an der Ostkonche

Ganz schmal und steil erhebt sich das Gabelkreuz über dem kargen Felsen des Berges Golgatha. Wie die Äste des Baumes, so recken sich auch die überlangen Arme des Gekreuzigten weit über seinen Kopf, wo sie mit jeweils einem durch die Handflächen geschlagenen Nagel am Holz festgehalten werden. Der Körper Christi ist mager (s. Detail rechts)– durch die Haut treten deutlich seine Rippen und Sehnen hervor, ein Eindruck von Leiblichkeit, der durch die scharf herausgearbeiteten Brustwarzen noch unterstrichen wird. Unterhalb der schlanken Taille bedeckt ein bis zu den Knien reichendes Lendentuch mit seitlich freihängenden Faltenzügen den Körper. Darunter sieht man die parallel gestellten athletischen Knie und Waden, die sich erst an den Füßen überkreuzen. Ein weiterer Nagel hält die Füße ohne zusätzlichen Halt am Baumholz fest. Der von filigran ausgearbeiteten Locken gerahmte Kopf wird von einer Dornenkrone umspannt und hängt erschöpft zur rechten Seite. Die Gesichtszüge sind von stillem Leid und Schmerz geprägt, die Augen geschlossen. Aus allen fünf Wunden - insbesondere aus den Handwunden - treten, wie geschmolzenes Wachs, große Bluttrauben heraus. Am Fuße des Kreuzes wird sich ein nun nicht mehr erhaltener Adamsschädel befunden haben. Die so genannten crucifixi dolorosi, die „Leidenskreuze“, erscheinen im 14. Jahrhundert in Deutschland und Italien im Zusammenhang mit der Bewegung der Mystik. Diese wollte eine starke Versenkung in die Passionsleiden mit dem Nachempfinden aller Qualen Christi provozieren. Ein besonders drastisches Exemplar, bei dem der Körper in unheimlicher Auszehrung und großem Schmerzleid dargestellt ist, kann in direkter Nachbarschaft zu diesem kleinen Kreuz des Museum Schnütgen in St. Maria im Kapitol betrachtet werden (siehe Abb. rechts). Es entstand um 1300. Unser Exemplar wurde später erschaffen und zeigt das Leiden in einer zwar deutlichen, jedoch stark gemilderten Form. Stattdessen sieht man hier eine Annäherung an eine ästhetische Darstellung, die sich nun von einer Betonung der Leiden entfernend der Schönheit Christi hinwendet. Leider kann der ursprüngliche Eindruck durch die Ablaugung der Farbfassung nicht mehr bis ins letzte Detail nachvollzogen werden – umsomehr sind nun aber die schnitzerischen Qualitäten sichtbar. Viele crucifixi dolorosi waren für einen Standort auf oder über einem Altar oder Lettner vorgesehen. Bei diesem kleinformatigen Werk war durch die Anfügung eines Bergfragmentes eine Aufstellung auf einer Altarplatte oder innerhalb einer Mönchzelle möglich - und damit auch ein viel intimeres Erlebnis des Bildwerkes.

O. Moldaver