„Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“

Bild der 16. Woche - 16. bis 22. April 2007

Kruppe mit diexie-Riemen, Aus dem Grab der Prinzessin von Chen und Xiao Shaoju, Stadt Qinglongshan, Naiman Banner, Silber, Jade, Länge: 80 cm, China, Liao-Dynastie, ca. 1018, Forschungsinstitut der Inneren Mongolei für Kulturgüter und Archäologie. Foto mit freundlicher Genehmigung des Inner Mongolia Autonomous Region Cultural Relics Bureau of the People’s Republic of China
Detail der diexie-Riemen

Der Sensationsfund des Grabes der Prinzessin von Chen und ihres Gemahls im Jahre 1985, der zum ersten Mal das vollständige Grab eines Mitglieds der Kaiserfamilie der Liao-Dynastie (907-1125) ans Licht brachte, enthielt auch reichen ornamentalen Pferdeschmuck, wie diese Kruppe (Schwanzriemen) beweist. Wandmalereien in Liao-Gräbern zeigen, dass Kruppen, wie diese aus dem Jahr 1018 oder früher, am hinteren Teil des Sattels befestigt wurden. Sie sollten den Sattel daran hindern, nach vorne zu rutschen. Von der Kruppe aus verliefen vier diexie-Riemen über die Flanken des Pferdes. Kruppe und Riemen sind in Silber gearbeitet, während die 64 liegenden Pferde, die auf den diexie-Riemen angebracht sind, aus Jade bestehen. Diese Kruppe wurde durch weiteren Pferdeschmuck ergänzt und vervollständigt. So wurden im gleichen Grab eine Brustplatte mit Steigbügeln sowie ein Zaumzeug ebenfalls aus Silber mit Jadepferdchen gefunden. Die Brustplatte wiederum sollte den Sattel daran hindern, nach hinten zu rutschen. Hinzu kamen u.a. goldene Sattelornamente. Die Kombination von Kruppe und diexie-Riemen scheint aus dem Westen zu kommen und war vielleicht sogar eine türkische Erfindung. Eine frühe Darstellung wurde auf einer Wandmalerei der Nördlichen Wei-Zeit (386-534) in den Höhlen von Dunhuang im heutigen Xinjiang im Westen Chinas gefunden. Aus der Tang-Zeit (618-907) sind zahlreiche Pferdedarstellungen mit diesem Schmuck bekannt, so dass die Liao diese Tradition von den Tang übernommen haben dürften. Bisher wurden Pferdeornamente aus Achat und Bergkristall, aber noch nie zuvor mit Jadeschnitzereien versehen, gefunden. Dies macht die Kruppe aus dem Prinzessinnengrab so einzigartig. Jade war ein extrem wertvolles Material während der Liao-Zeit, das nur für die Gräber der Reichen und für die Reliquienkammern von Pagoden zur Verfügung stand. Die Qualität der verwendeten Materialien, die Verarbeitung und die Menge des Sattel- und Zaumzeugs in diesem Grab belegen den hohen Status der Verstorbenen. Im täglichen Gebrauch bestanden die Riemen nicht aus Silber, sondern aus Leder. Daher kann davon ausgegangen werden, dass die gefundenen Stücke ausschließlich für die Verwendung im Jenseits hergestellt wurden. Das Schmücken der Pferde mit prachtvollen Ornamenten geht auf einen alten Brauch der Reitervölker der eurasischen Steppe zurück. So waren neben den Fremdherrschern der Liao-Dynastie auch die oben erwähnten Nördlichen Wei ein Reitervolk, das von Westen her Teile Nordchinas eroberte. Die Reitervölker schätzten das Pferd außerordentlich, da ihr nomadischer Lebensstil ganz essentiell von diesen Tieren abhing. Pferde waren einfach zu halten und ermöglichten den Steppenvölkern nicht nur Mobilität, so dass sie Vieh hüten, jagen und kämpfen konnten, sondern auch eine Nahrungsquelle in Form des „Koumiss“, einem gegorenen alkoholischen Getränk aus Stutenmilch. Die Wertschätzung der Pferde war so ausgeprägt, dass sie oft sogar alleine oder zusammen mit ihrem Besitzer beerdigt wurden. Im späten zehnten Jahrhundert wurde diesem teuren und verschwenderischen Brauch jedoch Einhalt geboten. Seitdem gab man den Verstorbenen statt des Pferdes symbolischen Pferdeschmuck mit ins Jenseits.

S. Priewe