Pantaleon im Dienst der Technik

Bild der 10. Woche - 5. bis 11. März 2007

Thomas Cranz – Adolph Wegelin, St. Pantaleon – Westansicht (1838–1841), Aquarellierte Zeichnung, 29,6 x 20,6 cm, aus: Johann Peter Weyer, Kölner Alterthümer, 1852, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

Westbau der Kölner Kirche St. Pantaleon – aber der sieht doch ganz anders aus, wird sich so mancher geneigte Leser, manch interessierte Leserin wundern. Und doch – es handelt sich um eine Ansicht aus der Zeit um 1840. So, wie die Kirche heute erscheint, ist sie die Rekonstruktion einer Rekonstruktion (www.romanische-kirchen-koeln.de). 1757 war der südliche Flankenturm des mittelalterlichen Westwerks eingestürzt, wodurch auch das Mittelteil gefährdet war. Die Benediktinerabtei beschloss, dieses teilweise abtragen und in Art eines Kirchturms 1766–1768 neu aufbauen zu lassen. Als Abschluss wählte man eine „moderne“ Haube mit oktogonaler Laterne. Der Symmetrie wegen wurden auch die beiden Flankentürme bis zum quadratischen Mauerwerk abgetragen und mit Barockhauben ausgestattet. Mit dem Einzug der Franzosen wurden die ehemaligen Konventsgebäude militärisch genutzt, die Kirche wurde zur Pfarrkirche. Die Preußen traten das französische Erbe an und St. Pantaleon war seit 1819 protestantische, 1850–1921 zudem simultane Garnisonskirche. Aber erklärt dies jenes merkwürdige Gebilde auf der Turmspitze, das so gänzlich unbarock anmutet und das auf dieser Zeichnung wie nicht dazugehörig aus dem Rahmen ragt? Anfang der 1790er Jahre war den französischen Brüdern Chappe die Erfindung eines optischen Telegraphen gelungen. Seit August 1794 wurden Frankreich und Teile des von ihm besetzten Europas mit diesen Stationen überzogen. Andere Länder folgten. Denn die Neuerung überzeugte – so benötigte eine Meldung von Paris nach Lille nur 2 Minuten! Preußen folgte erst einige Jahrzehnte später. 1832 wurde der Geheime Postrat Pistor (1778–1847) beauftragt, eine Telegraphenlinie von Berlin nach Koblenz, dem Verwaltungssitz der Rheinprovinz, nach einem von ihm verbesserten System einzurichten: Ein langer Balken ragte senkrecht aus einer Plattform. An diesem waren sechs hölzerne, bewegliche Arme befestigt, die mit dem Mastbaum Winkel bilden konnten. Auf diese Weise war es möglich, 4096 verschiedene Stellungen zu erzielen. Die Stationen waren durchschnittlich 1,5 Meilen (11,23 km) voneinander entfernt. Die gesamte Strecke betrug 550 km. übermittelt wurden ausschließlich Staatsdepeschen. Die ersten 19 Stationen von Berlin bis Magdeburg waren bis November 1832 errichtet. Die Linie Magdeburg – Koblenz mit 41 Stationen wurde im Herbst 1833 beendet, im Herbst 1834 auch die Arbeit an den zugehörigen Gebäuden abgeschlossen. 1836 folgte in Koblenz die letzte Station Nr. 61. Die Stationen wurden durchnummeriert, auf Kölner Gebiet trugen Flittard die Nr. 50 und Pantaleon die Nr. 51. Da der der Kirche St. Pantaleon benachbarte Festungsbauhof eine „Central-Brieftauben-Station“ beherbergte, lag es nahe, den Turm der Kirche in den Dienst der neu eingeführten Telegraphie zu stellen. 1833 verlor er seine Spitze, um auf der Laterne eine durch ein Gitter gesicherte Plattform für den Telegraphenmasten zu gewinnen. Im Turm selbst waren die Amtsräume untergebracht. Mitte August 1848 stellte die Regierung die Telegraphenlinie von Berlin nach Köln auf elektrischen Betrieb um. Zwischen Köln und Koblenz war die optische Telegraphenlinie noch bis Oktober 1852 in Betrieb. Die nächsten Jahrzehnte sahen – wie sollte es in Köln auch anders sein – immer wieder vergebliche Bemühungen, das Westwerk in seinen ottonischen Zustand „zurückzuversetzen“, was aber erst 1890–1892 gelang, finanziert vom Kriegsministerium und mit einem kaiserlichen Zuschuss.

R. Wagner