Die doppelte Absicherung

Bild der 9. Woche - 26. Februar bis 4. März 2007

Mannequin, aus einem Grab in Yihenuoer, Rechtes Balin Banner, Holz, Höhe: 180 cm, China, Liao-Dynastie. Museum von Rechtes Balin Banner. Forschungsinstitut der Inneren Mongolei für Kulturgüter und Archäologie. ã Foto mit freundlicher Genehmigung des Inner Mongolia Autonomous Region Cultural Relics Bureau of the People’s Republic of China

Auch wenn menschliche Figuren in chinesischen Gräbern keine Seltenheit sind, so haben sie doch stets Symbolcharakter und sind nicht als naturgetreues Abbild oder Porträt des Grabinhabers zu verstehen. Gräber der Liao-Dynastie (907-1125) in der Autonomen Region der Inneren Mongolei und der Provinz Hebei haben etwas bisher noch nie Dagewesenes zutage gefördert: Lebensgroße Holzfiguren mit beweglichen Gelenken und individuellen Gesichtszügen. Das „Mannequin“ besteht aus siebzehn verschiedenen Holzteilen und soll einen Mann darstellen. Die einzelnen Teile sind mit Gelenken und Gelenkpfannen verbunden, so dass die Gliedmaßen frei beweglich sind. Pigmente belegen, dass der Kopf, Hals und die Unterarme ursprünglich bemalt waren. Das Fehlen von Farbe auf dem Rest des Körpers deutet darauf hin, dass das Mannequin ursprünglich bekleidet war, die Stoffe mit der Zeit aber verrottet sind. Die hochgezogenen Augenbrauen und markanten Ohren betonen die Individualität der Figur. Solche Mannequins wurden in den Hauptkammern mancher Gräber entdeckt und lagen dort in Särgen oder auf Sargbetten. Beim Begräbnis eines Paares wurden entsprechend zwei Figuren gefunden. Doch wo befanden sich die Verstorbenen? Die ausgehöhlte Brust des Mannequins enthielt deren kremierte Überreste. Drei Besonderheiten machen diese Holzfiguren zu einem Kuriosum: 1. Die Gliedmaßen waren frei beweglich; 2. Sie enthielten die Asche des Verstorbenen und 3. Sie gaben die körperlichen Eigenheiten des Verstorbenen so wider, wie sie in den Grabinschriften beschrieben waren. Offenbar erhielten die Mannequins ein Begräbnis, das sich nicht von dem für einen Leichnam unterschied. Somit scheinen die Mannequins den Verstorbenen zu ersetzen, dessen Asche sie enthielten. Diese Art des Begräbnisses ist eine außergewöhnliche Mischform buddhistischer und traditioneller chinesischer Bestattungstraditionen: Die buddhistische Tradition, den Leichnam des Verstorbenen zu verbrennen, stammt aus Indien und soll die Bindung der Seele an den Körper brechen und damit eine Wiedergeburt ermöglichen. Diese enge Verbindung zum Buddhismus, der in der Liao-Dynastie stark vom Kaiserhaus unterstützt wurde, wird durch die Identifikation einiger Verstorbener als buddhistische Mönche oder fromme Laien noch verstärkt. Andererseits hat die chinesische Begräbnistradition die Unsterblichkeit zum Ziel. Gegenstände des täglichen Gebrauchs in den Gräbern sollten es der Seele des Verstorbenen ermöglichen, ihr Leben nach dem Tod wie im Diesseits weiterzuführen. Die Form des Mannequins, die der buddhistischen Lehre widersprach, sollte somit der Seele des Toten ein Weiterleben im Grabe bis zur Wiedergeburt gestatten. Die Holzfigur war also nicht nur ein Abbild des Verstorbenen, sondern sie stellte geradezu einen Ersatz für seine Person dar. Das Mannequin-Begräbnis sicherte den Verstorbenen in doppelter Hinsicht ab: Durch die Feuerbestattung sollte die buddhistische Wiedergeburt möglich werden und durch die Erhaltung der individuellen Person in Form der Holzfigur konnte auf ein Weiterleben der Körperseele des Verstorbenen im Sinne der chinesischen Tradition gehofft werden. Durch diesen genialen Kompromiss gelang es der Liao-Elite, sich doppelt gegen den endgültigen Tod abzusichern. Die regierenden Kitan befolgten jedoch zumindest bei Begräbnissen hochrangiger Mitglieder ihres Reiterstammes nomadische Bestattungsregeln, die durch grausam anmutende Balsamierungstechniken sowie die Bedeckung des Körpers mit einer Totenausrüstung darauf abzielten, den Körper für die Ewigkeit zu bewahren. Die Vielfalt der multiethnischen Liao-Gesellschaft spiegelt sich somit auch in den Bestattungssitten. Der dritte Teil der Serie über die Bedeutung des Pferdes bei den Liao erscheint in der 11. KW (12.03. – 18.03.2007).

S. Priewe