Hangeul - so schreibt Korea

Bild der 41. Woche - 9. bis 15. Oktober 2006

Moon Suan (Mönch des Tongdo-Tempels), „Ga, Na, Da ...“ Beginn des koreanischen Alphabets, 1989, Kalligraphie, Papier, gerahmt, 45,5 cm x 64,5 cm, Köln, Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. A 89,77

Korea könne nur durch Alphabetisierung großer Teile der Bevölkerung mächtig werden. Davon war König Sejong überzeugt. Und so erarbeitete er eine Schrift, die die Unzulänglichkeiten der chinesischen Schriftzeichen bei der Wiedergabe koreanischer Worte und Begriffe, wettmachen sollte. König Sejong, auch der Große genannt, regierte von 1428 bis1450 und war der vierte und wohl auch berühmteste König der Joseon-Dynastie (1392-1910). Er glaubte, dass die von ihm entwickelte, einfachere Schrift nur vom Volk angenommen werde, falls das Volk diese Schrift als Geschenk des Himmels ansähe. Daraufhin begab sich der König eines Nachts mit Schreibpinsel und einem Topf voll Honig bewaffnet in den Palastgarten und malte mit dem Honig die 24 neuen Zeichen auf die von den Platanenbäumen herabgefallenen Blätter. Am folgenden Morgen fand der Wahrsager des Königs diese Blätter und glaubte, ein himmlisches Omen entdeckt zu haben. Da in der Nacht Insekten die mit Honig bestrichenen Teile der Blätter weggefressen hatten, waren nun die neuen Zeichen eindeutig zu erkennen. Der Wahrsager studierte in den folgenden Wochen sodann die Zeichen und kam zu dem Schluss, dass dies eine vom Himmel gesandte Schrift sei, damit das koreanische Volk seine eigene Sprache schreiben könne. Der König befahl daraufhin, das Alphabet zu veröffentlichen, welches vom Volk begeistert aufgenommen wurde. Soweit die Legende. In der Tat setzte König Sejong eine Gruppe von Gelehrten ein, um aus den genannten Gründen eine Silbenschrift zu entwickeln, die im Jahre 1443 fertiggestellt und 1446 unter dem Namen „Hunmin Chongum“ (korrekte Laute, um sie den Menschen zu lehren) veröffentlicht wurde. Damit existierte nun eine wissenschaftlich entwickelte Schrift, die sich nicht aus bereits bestehenden Schriftsystemen ableitete. Die Schrift war für die niedere Beamtenschaft und die Bürger als Arbeitshilfe und –erleichterung gedacht, denn am königlichen Hof herrschte weiterhin das Chinesische vor. Das Manuskript des „Hunmin Chongum“ wurde 1997 von der UNESCO zum „memory of the world“ ernannt. Die einzige erhaltene Kopie in Südkorea befindet sich heute im Kansong Art Museum in Seoul. Hangeul, wie diese phonetische Schrift seit dem frühen 20. Jahrhundert genannt wird, besteht aus 14 Umlauten und 10 Vokalen, die auf die Formung von Mund und Zunge bei der Aussprache und auf natürliche Regeln der Phonetik zurückgehen. Die Gemeinsamkeit mit den chinesischen Ideogrammen, die im Gegensatz zum Hangeul ein jahrelanges Studium voraussetzten, besteht nur darin, dass jede Silbe ebenfalls in einem quadratischen Block dargestellt wird. Die Silbe wiederum besteht aus einem Konsonanten und einem Vokal sowie gegebenenfalls einem abschließenden Konsonanten. Das Museum für Ostasiatische Kunst besitzt Kalligraphie in Hangeul. Drei Werke wurden dem MOK 1989 von dem Mönch Moon Suan vom Tongdo-Tempel in der Provinz Kyongnam, Südkorea, geschenkt. Die ersten beiden Werke zeigen die Vokale beziehungsweise die Konsonanten des koreanischen Alphabets, im dritten Werk ist deren Zusammenstellung zu Silben erkennbar. Die Hangeul-Schrift, die sich gegenüber anderen, auf chinesischen Schriftzeichen basierenden Silbenschriften durchsetzen konnte, erfuhr nach anfänglich starker Verbreitung durch das Königshaus eine Vernachlässigung. Sie galt als Schrift der Frauen, die sie als erste benutzten, schließlich aber des niederen Volkes und der Ungebildeten, und wurde von den Gelehrten entsprechend verachtet. Sie war sogar zeitweise verboten. Erst im frühen 20. Jahrhundert, als die Modernisierung auch in Korea einsetzte, wurde Hangeul „wiederentdeckt“, unter Anderem auch als Reaktion auf die chinesische und japanische Okkupation und Unterdrückung. Die Schrift erfuhr eine Systematisierung und wurde durch neue Regeln in Orthographie und Grammatik ergänzt. Auch heute noch sind die chinesischen Schriftzeichen nicht völlig aus der koreanischen Schrift wegzudenken, und so wird zumindest im Süden der koreanischen Halbinsel eine Mischform verwendet. Das Straßenbild ist geprägt von koreanischen und traditionellen chinesischen Schriftzeichen, wie sie auch in Taiwan, in Hongkong oder in Japan verwendet werden. In Nordkorea dagegen finden sich chinesische Schriftzeichen nur noch in buddhistischen Tempeln und Museen. Das Hangeul dominiert dort uneingeschränkt. Der Stolz der Koreaner auf ihre Schrift drückt sich auch in einem gesetzlich festgelegten Gedenktag aus, an dem König Sejong geehrt wird. Im Süden wird der „Hangeul-Tag“ am 09. Oktober gefeiert, im Norden findet er am 15. Januar statt.

S. Priewe