Bild der 42. Woche - 16. bis 22. Oktober 2006

links: Ernst Ludwig Kirchner, Eine Künstlergemeinschaft (Die Maler der Brücke), 1925 –1926, Öl auf Leinwand, 168 x 126 cm, Museum Ludwig, Köln, ML 76/2863 rechts: Peter Paul Rubens, Selbstbildnis im Kreis der Mantuaner Freunde, um 1604, Öl auf Leinwand, 77,5 x 101 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Dep. 248

Anläßlich des Jubliäums 2006 – 30 Jahre Museum Ludwig, 20 Jahre Neubau am Rhein, 5 Jahre Neubau am Rathausplatz – entleihen die beiden Museen (Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud und Museum Ludwig) für eine Dauer von jeweils drei Monaten vier Mal Hauptwerke ihrer Sammlugen, um diese gegenüberzustellen (s. Liste der Serienfolgen oben rechts). Es werden neue unerwartete Blicke möglich. Bis zum 07.01.2007 treffen so Werke von Peter Paul Rubens (Siegen 1577 – 1640 Antwerpen) und Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos) im Wallraf-Richartz-Museum aufeinander. Treffen der Freunde In jenen Jahren, als sich Rubens - als Maler und Diplomat - im Dienste des Herzogs Gonzaga an dessen Hof in Mantua aufhielt, schuf er dieses Selbstporträt, das ihn im Kreise seiner Freunde zeigt. Zur Identifizierung des Ortes ist der kleine Landschaftsausschnitt hilfreich, der den Blick freigibt auf den Ponte di Giorgio, die Verbindung zwischen Lago Inferiore und Lago di Mezzo. Anders als der Bildtitel vermuten lässt, sind die Freunde aber nie tatsächlich in der hier geschilderten Konstellation in Mantua zusammengetroffen; gar nicht alle der Dargestellten haben sich zeitgleich mit Rubens dort aufgehalten. Und 1925/1926, als Kirchner die vier Maler der ‚Brücke’ im Bilde festhielt, hat es diese Künstlergemeinschaft schon längst nicht mehr gegeben; bereits 1913 hatte sich die Gruppe getrennt. Offensichtlich haben wir es also bei beiden Bildern mit Darstellungen imaginärer Begegnungen zu tun, treten wir beide Male einer Art fiktiver ‚Zusammenschau’ gegenüber. Wenn es mithin aber weder Rubens‘ noch Kirchners Anliegen war, eine reale Situation zu schildern, welches waren dann ihre Intentionen? In der italienischen Renaissance, seit dem 16. Jahrhundert auch im nördlichen Europa, begannen die bildenden Künstler ein neues Selbstverständnis zu entwickeln, als sie sich ihrer geistig-schöpferischen Tätigkeit - im Unterschied zu den rein handwerklich arbeitenden Zünften - bewusst wurden. Ihr Kampf um die Würdigung ihres künstlerischen Genies sollte schließlich mit offizieller Anerkennung belohnt werden. Der neu erlangte gesellschaftlich höhere Rang gab den Künstlern ein stärkeres Selbstbewusstsein, das in der Gattung des Künstlerporträts bildlichen Ausdruck fand. Entsprechend präsentiert sich auch Rubens im „Mantuaner Freundschaftsbild“; indem er sich direkt dem Betrachter zuwendet, betont er deutlich seine Position innerhalb des Bildes. Unmittelbar hinter ihm erscheint das Profil seines Bruders Philipp, der 1601 zum Studium nach Italien kam, nachdem er in der Heimat - wie der berühmte Bruder auch - ein Schüler des Philosophen Justus Lipsius gewesen war. Und noch weitere Lipsius-Schüler geben sich hier ein Stelldichein: am Bildrand ganz links im Hintergrund der junge Guillaume Richardot, dicht davor entweder Nicolas Rockox oder Juan Batiste Perez de Baron. Und wenn Lipsius selbst auch während Rubens‘ Mantuaner Jahren gar nicht mehr in Italien war, ist der hochverehrte Humanist gleichwohl in der Runde präsent: Einer Porträtbüste gleich am rechten Bildrand erscheint der Neostoiker, sozusagen als geistiger Mentor der Gruppe. Die Person, die im Vordergrund Rubens vertrauensvoll die Hand auf den Arm legt, galt lange Zeit als dessen Malerkollege Frans Pourbus d.J., der zeitgleich am Mantuaner Hof tätig war. Nach neuer Deutung handelt es sich um Galileo Galilei, dessen Lehren von der Optik für Rubens von großer Bedeutung waren, und der Rubens - nach dessen diplomatischer Mission nach Spanien - von Padua aus einen Besuch in Mantua abgestattet hat. Rubens hat hier also fiktiv all jene um sich geschart, die für ihn in seinen Mantuaner Jahren persönlich und geistig von Bedeutung waren, hat ein „Album Amicorum“ geschaffen, ein Freundschaftsbild. Sich im Kreise wahlverwandter gelehrter Freunde präsentieren zu können, betonte seine gesellschaftliche Stellung und sein Ansehen als gebildeter, gelehrter Maler, als ‚pictor doctus’; die freundschaftliche Verbindung zu humanistischen Gelehrten ‚adelte’ ihn auf intellektueller Ebene. Die Tatsache, dass die dargestellte Zusammenkunft realiter gar nicht stattgefunden haben kann, ist für den Gehalt des Bildes demnach ohne Bedeutung. Ebenso wenig wie bei Rubens‘ „Freundschaftsbild“ haben wir es bei Kirchners Gemälde mit einem Bild zu tun, dessen Hauptaugenmerk auf der Wiedergabe einer realen Zusammenkunft liegt. Zwar hat der - damals bereits in der Schweiz lebende - Maler 1925 tatsächlich eine Deutschlandreise unternommen und hat dabei natürlich auch seine drei Künstlerkollegen aus der 1913 zerbrochenen ‚Brücke’-Gruppe treffen können, doch ist das Bild wohl eher als Nachklang auf diese Reise entstanden. Jedenfalls ist es ein Porträt von ‚posthumem’ Charakter, mit Erich Heckel in der Mitte, dem Betrachter frontal gegenüberstehend, den Blick gerichtet auf Karl Schmidt-Rottluff, dieser in Schrittstellung rechts. Vorne links hockt Otto Mueller und schmaucht in Gedanken versunken eine Pfeife. Und wie schon Rubens, hat sich auch hier der Maler selbst als Hauptperson und Agitator dargestellt: Offensichtlich kommentiert Kirchner ein Schriftstück, das er in Händen hält - möglicherweise seine „Brücke-Chronik“, mit der er 1913 jenen Streit innerhalb der Künstlergemeinschaft verursachte, der noch im selben Jahr zur Auflösung der Gruppe führte. Es ist durchaus denkbar, dass Kirchner mit diesem Bild - als nachträgliche Wiedergutmachung für sein Mitverschulden am Auseinanderbrechen der ‚Brücke’ - die Künstlergemeinschaft ‚in memoriam’ hat würdigen wollen. Deren erklärtes Ziel war es gewesen, neue Ausdrucksformen und Werte in der Kunst zu finden, und im Deutschland der Jahrhundertwende eine „neue Kunst für den neuen Menschen“ zu schaffen - so das Gründungsmanifest von 1905. Fast in Lebensgröße ist mit dem Gruppenbild der ‚Brücke’-Maler diesen künstlerischideellen Werten ein Denkmal gesetzt. Möglich also, dass auch Kirchner hier - rund 300 Jahre nach Rubens - als ‚pictor doctus’ im Kreise gebildeter Freunde verstanden werden wollte.

B. Schaefer