Zeitlos schöne Siegelringe

Bild der 44. Woche - 30. Oktober bis 5. November 2006

Drei Fingeringe mit antiken Gemmen und Fassungen von Elisabeth Treskow, Köln, um 1960-70, Köln, Museum für Angewandte Kunst, G 1107, G 1123, G 1130

Von altersher wurde der Fingerring enger als jedes andere Schmuckstück mit der Persönlichkeit seiner Trägerin bzw. seines Trägers verknüpft, wobei er neben seinem praktischen Funktionswert, seinem kultischen oder sozialen Sinngehalt, den in erster Linie schmückenden Charakter stets behalten hat. Die älteste und noch heute fortlebende Form des Ringes ist der Siegelring. Entwickelt aus dem babylonischen Roll- bzw. anatolischen Knopfsiegel, reicht seine Tradition bis in die ägyptische Antike. Dort galt der Siegelring als Privileg des Pharaos und Priestertums. Er unterstrich Autorität, Stand und göttliche Würde, Eigenschaften, die in angepaßt gewandelter Form auch heute noch Gültigkeitswert für ihn haben, ebenso wie sein überlieferter Verwendungszweck. Mit ihm wurden – wie Herodot berichtet - Dokumente versiegelt oder die für die Opferung vorgeschriebene Reinheit von Tieren beglaubigt. Da die Namenskartusche in die Unterseite eines Skarabäus geschnitten wurde, verband sich die magische Kraft des Käfers als Glücksbringer mit der göttlichen Macht des Trägers. Diese Tradition der ägyptischen Skarabäen mit Siegeln an drehbaren Ringbügeln wurde über die Phönizier und Etrusker bis zu den Griechen tradiert. Erst in der römischen Antike setzten sich die geschnittenen Gemmen mit unterschiedlichsten Formaten, Motiven und Inschriften durch. Unter den Bildthemen, die häufig der Götter- und Tierwelt entlehnt sind oder ein göttliches Attribut zeigen, verbirgt sich fast immer über das Dekorative hinaus ein bestimmter – heute oft nicht mehr zu entschlüsselnder - Symbolwert, dessen Aussage mit dem Träger des Siegelringes verbunden ist. Die hier gezeigten Siegelringe stellen eine Synthese zwischen Antike und Moderne dar, da hier alte, aus unterschiedlichen Epochen stammende Gemmen zu neuen Ringen verarbeitet wurden.
Der obere Ring trägt eine spätarchaisch-griechische Gemme des 6. Jahrhunderts vor Christus. Sie zeigt im geschnittenen Karneol die Gottheit Bes mit Federkrone und Flügel in Form von Lotosblättern. Es wird vermutet, daß diese Darstellung von Lotosblättern auf das Motiv des Lebensbaumes hinweisen. Links ist ein Ring mit einer Gemme aus spätminoischer Zeit zu sehen (1650-1400 v. Chr.). Der dunkelgrüne bis graue Serpentin zeigt eine nach rechts aufspringende Löwin mit zurückgewendetem Kopf, wehender Mähne und hochgebogenem Schwanz. Vier kleine Punkte deuten das Gesäuge der Löwin an. Der rechte Ring trägt eine hellenistisch-ptolemäische Gemme des 3.-2. Jahrhunderts vor Christus. Der Almadin zeigt eine Tyche auf kleiner Fläche stehend und in Frontalansicht mit überkreuzten Beinen. Diese griechische Göttin des Schicksals trägt einen enganliegenden Chiton, der starke Parallelfalten wirft. Der rechte, ein Füllhorn haltende Arm stützt sich links gegen eine Halbsäule. Ihr mit Lotoskrone bekrönter Kopf im Profil ist tief nach unten geneigt. Der Blick geht auf den Gegenstand in ihrer linken Hand, der vielleicht einen Zweig darstellt. Die Ringe selbst stammen alle von Elisabeth Treskow (1898 – 1992). Sie gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Goldschmiedekunst des 20. Jahrhunderts. Als Schülerin von Franz Zwollo, Karl Rothmüller und Jan Thorn Prikkers wurde sie 1948 an die Kölner Werkschule berufen, von wo aus ihre Schüler eine eigene Tradition begründeten. Ihre in der Öffentlichkeit bekannteste Arbeit ist die Meisterschale des Deutschen Fußballbundes. Die hier gezeigten Ringe des Kölner Museums für Angewandte Kunst stammen aus ihrem Besitz und sind Teil der 1977 erworbenen Stiftung Elisabeth Treskow.

T. Nagel