Bild der 43. Woche - 23. bis 29. Oktober 2006

oben: Caspar David Friedrich, Elbschiff im Frühnebel, um 1821, Öl auf Leinwand, 22,5 x 30,8 cm. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, WRM 2667 unten zwei Stills aus: Roman Signer, Kajak, Rheintal, Mai 2000, Video, Farbe, Ton, 5:20 min. Museum Ludwig, ML/V 2001/1

Anläßlich des Jubliäums 2006 – 30 Jahre Museum Ludwig, 20 Jahre Neubau am Rhein, 5 Jahre Neubau am Rathausplatz – entleihen die beiden Museen (Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud und Museum Ludwig) für eine Dauer von jeweils drei Monaten vier Mal Hauptwerke ihrer Sammlugen, um diese gegenüberzustellen (s. Liste der Serienfolgen oben rechts). Es werden neue unerwartete Blicke möglich. Bis zum 07.01.2007 treffen so Werke von Roman Signer (Appenzell 1938, lebt in St. Gallen) und Caspar David Friedrich, (Greifswald 1774 – 1840 Dresden) im Museum Ludwig aufeinander. Flüchtigkeit und Ironie Ein Boot und eine Flusslandschaft – das alleine scheint das Verbindende zwischen dem kleinen Gemälde von ca. 1821 und der Videoarbeit von 2000. Gemeinsam mag beiden Arbeiten auch sein, daß Alltagsobjekte und -situationen künstlerisch verarbeitet worden sind: Auto und Kajak bei Roman Signer und das Frachtschiff mit seinen Arbeitern auf der Elbe bei Caspar David Friedrich. Denn der Blick auf die Elblandschaft gehörte zu den täglichen Eindrücken des Künstlers, der mit seiner Frau 1820 in das Haus 'An der Elbe 33' in Dresden zog. Ein Werkvergleich zwischen Alt und Neu wird aber erst fruchtbar, wenn die jeweiligen künstlerischen Haltungen befragt werden, die sich hinter den Motiven und ihrem Materialien- bzw. Medieneinsatz verbergen. In Friedrichs Gemälde schiebt sich der dunkle, diagonal verlaufende Vordergrund wie eine Barriere zwischen Betrachter und Bildzentrum – ein Segelschiff, auf dem drei Männer bei ihrer Arbeit zu sehen sind. Der Ort des imaginierten Betrachters im Vordergrund, wo Weiden, Schilf und zarte Blütenpflanzen genau zu erkennen sind, ist deutlich von der geisterhaften Erscheinung des Schiffes und der fernen Landschaft unterschieden, die in aufsteigenden Nebelschwaden verschwindet. Aber diese strikte Trennung der Sphären bewirkt ihr Gegenteil, denn der Betrachter, der sich in die faßbare Welt gestellt sieht, versucht das dem Blick Entzogene festzuhalten, wissend, daß die Landschaft in kurzer Zeit schon sehr anders erscheinen könnte; der Nebel würde durch die aufsteigende Sonne vertrieben, die dann auch die Bäume und Hügel im Hintergrund sichtbar machte. „Wenn eine Gegend sich in Nebel hüllt, erscheint sie größer, erhabener und erhöht die Einbildungskraft und spannt die Erwartung gleich einem verschleierten Mädchen“ beschreibt Friedrich diese Wirkung selbst. Er umreißt zugleich die ästhetische Kategorie des Erhabenen, die zu seiner Zeit diskutiert wurde. Danach wird die Einbildungskraft des Betrachters aktiviert, weil er das flüchtige Motiv ausdeutet und fortschreibt. Nebel und Wolken stehen für das Unabgeschlossene schlechthin. Intensiv haben sich Friedrichs Zeitgenossen mit der Frage wissenschaftlich und künstlerisch beschäftigt, wie Wolken systematisiert und dargestellt werden können. Auch Friedrichs Gemälde ist genau abzulesen, wie der Wasserdampf aus dem Fluß von der Wolkendecke aufgenommen wird. Aber anders als seine Kollegen hielt Friedrich die physiktheoretische Aneignung der Natur, wie sie Goethe und andere Zeitgenossen proklamierten, für falsch. Die radikale Andersheit der Natur zeigte sich für Friedrich im Flüchtigen und daher Unerklärlichen des Nebels und der Wolken. Fast zweihundert Jahre später befaßt sich Roman Signer wieder mit dem Flüchtigen. Dabei nutzt er Technik und physikalische Erkenntnisse für sich. Er ist nicht Maler, sondern Bildhauer; seine Arbeiten sind Skulpturen, die den Raum und die Zeit in Anspruch nehmen. Das Kajak, das im Video die zentrale Rolle spielt, taucht in vielen seiner Arbeiten auf: 2003 hängte der Künstler elf signalrote Kajaks unter die Decke eines Ausstellungsraums und brachte sie so zum Schweben. Eine weitere Arbeit, „Kanal“ von 1995, zeigt einen langgestreckten nach oben geöffneten Kubus, der mit Wasser gefüllt ist – darin ein Kajak, das zwar seiner Funktion zugeführt, aber zugleich in ihr beschränkt ist. Im vorliegenden Video sind nun die Vorbereitungen zu Signers Aktion und die Aktion selbst zu sehen: Der Künstler lässt sich im Boot sitzend und mit einem Helm gesichert hinter einem Auto auf einem Weg neben einem Kanal entlang ziehen. Verwundert, irritiert und ungläubig folgt der Betrachter dieser absurden Aktion und erhält am Ende eine Antwort auf seine Frage, wie lange wohl ein Kajak dieser ungewohnten Nutzung stand halten kann. Die letzte Einstellung zeigt den aufgerissenen Boden und die klaffenden Löcher. Das Kajak in der Luft, im Wasser und auf der Erde gibt einen Hinweis auf die vom Künstler bevorzugten Naturmaterialien. Zu ihnen gehört auch das Feuer, das Signer mit Hilfe der Pyrrotechnik gezielt auslöst. Die vier Elemente verknüpft er mit industriell gefertigten Gegenständen – Ballons, Eimern, Fässer und Kisten –, sowie mit Gegenständen der persönlichen Umgebung und Fortbewegung wie Fahrrad, Piaggio und Kajak zu Ereignisskulpturen, die mit Fotografie und Video festgehalten werden oder deren Gestalt das Geschehen für den Betrachter rekonstruierbar machen. Ob die Ereignisse bei Signer mit einer schockierenden Plötzlichkeit eintreten oder ihre Wirkung sich erst über eine gewisse Dauer entfaltet, ob sie in der Fotografie, im Video festgehalten oder die Spuren der ausgestellten Skulptur abzulesen sind, immer entzieht sich das Werk dem Betrachter durch die Flüchtigkeit der Aktionen, ebenso wie dem Betrachter von Friedrichs Gemälden das Motiv im Nebel, in der großen Entfernung oder im Dunkeln entzogen wird. Aber während die Natur bei Friedrich allegorisch aufgeladen wird, arbeitet Signer mit der „Ironie der Natur“, die auch Friedrichs Zeitgenossen kannten und die in dem Paradox liegt, als Künstler persönlich distanziert und zugleich beteiligt zu sein, seine Kunst zutiefst ernst zu nehmen und sie dennoch als bloßes Spiel betrachten zu können. Wenn sich der Witz in Signers Aktionen mit der großen Ernsthaftigkeit seiner präzisen Versuchsanordnungen paart, dann zeigt sich in eben dieser Verbindung die Verwandtschaft zur romantischen Ironie.

B. Engelbach