Familientreffen im Garten

Bild der 29. Woche - 19. bis 25. Juli 2006

Älterer Meister der Heiligen Sippe, Triptychon (Altar der Heiligen Sippe), um 1420, Eichenholz, Mitteltafel 85,3 x 95 cm, Flügelinnenseiten je 86,3 x 41 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 59
Außenseite des Altares, Flügelaußenseiten je 88,8 x 44 cm (Malflächen)
Mitteltafel des Altares, 85,3 x 95 cm

Der in Abgrenzung vom Jüngeren Sippenmeister sogenannte Ältere Meister der Heiligen Sippe steht in der Tradition des Meisters der heiligen Veronika (s. BdW 15/2001). Sein namengebendes Hauptwerk ist dieses, wohl aus der Kapelle des ehemaligen Hospitals St. Heribert in Köln stammende Triptychon. Während die Flügelaußenseiten links den von Arma Christi umgebenen Schmerzensmann sowie rechts die Heiligen Andreas, Papst Urban, Heribert (?) und Elisabeth zeigen (s. Bild rechts), erzählen die Flügelinnenseiten über die Mitteltafel hinweg springend: Verkündigung, Heimsuchung, Anbetung des neugeborenen Kindes und Anbetung der Könige. Die Mitteltafel (s. 2. Bild rechts) selbst bietet der Legenda aurea folgend eine der frühesten und ausführlichsten Darstellungen der Heiligen Sippe. Zentrale Figur ist die (zur Himmelskönigin gekrönte) Gottesmutter mit dem Christuskind, umgeben von den Heiligen Anna (links mit Buch) und Elisabeth (rechts, mit dem Johannesknaben) sowie weiteren weiblichen Familienmitgliedern. Die Ehemänner und Väter sind jenseits der Gartenmauer stehend dargestellt. Die künstlerische Qualität – und zugleich der besondere Reiz – des Werkes liegt in der subtilen Vermenschlichung der himmlischen Hierarchie, im atmosphärischen Zusammenziehen der genealogischen Aufzählung zu einem glaubhaften Geschehen. Behutsam werden die zappeligen Kleinkinder gehalten und mit Gewandzipfeln zugedeckt. Liebevoll wenden sie sich bald den Müttern bald anderen Kindern zu. Ganz naturalistisch werden alterstypische Bewegungsreflexe wiedergegeben – etwa bei dem kleinen Judas Thaddäus, der nach dem Schleier seiner Mutter faßt. Andererseits sind auch feine Verweise auf biblisches Geschehen zu beobachten: So deutet der kleine Johannes bereits auf den nach ihm kommenden Heiland, der sich seiner eigenen Bedeutung durch Nachfrage bei dem sechs Monate Älteren zu versichern scheint. Weitere Gesten des Zeigens oder der Verbundenheit signalisieren eheliche Bande und emotionale Nähe; sie verschmelzen die einzelnen Mitglieder der Heiligen Sippe zu einer echten Familie. Durch Blicke bzw. Kopfwendungen zeigt der Maler freudiges (Wieder-)Erkennen und lebhafte Gespräche an. Nicht zuletzt auch mit dem Schwung der Gewandsäume und dem Flattern der Schriftbänder vermittelt der Künstler die froh bewegte Stimmung eines seltenen Familientreffens. Durch die Unterbrechung der mauerartigen Sitzbank im Vordergrund öffnet sich der überzeitliche Paradiesgarten für den andächtigen Betrachter, der somit zur kontemplativen Annäherung eingeladen wird – ein Kunstgriff, dessen sich später z.B. auch Stefan Lochner bedienen wird (s. BdW 52/2005).

R. Krischel