Beschützer im Jenseits

Bild der 21. Woche - 22. bis 28. Mai 2006

Wächtergottheit, Tonware mit Resten einer farbigen Fassung, 83 cm, China, Tang-Dynastie, 8. Jh., Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. F 10,48. Foto: Rainer Gärtner
Detail

Diese entschlossen dreinblickende Wächtergottheit aus der Tang-Dynastie (618-907) steht beispielhaft für die jahrtausendalte Geschichte der ostasiatischen Grabkultur, die bis heute - besonders in China - hohe Bedeutung hat. Um den Verstorbenen das „Leben" im Jenseits zu erleichtern, wurden noch bis zur Qing-Dynastie (1644 - 1911) die Grabstätten der Kaiser und ihrer Angehörigen, der Beamten und anderer Verstorbener von hohem Rang äußerst feudal gebaut und mit Grabbeigaben üppig ausgestattet, um den Toten in der jenseitigen Welt ein Dasein wie zu Lebzeiten zu ermöglichen. Die Verstorbenen gegen die Störung ihrer Ruhe zu schützen war hierbei die Aufgabe dämonengleicher Wächter, wie diese abgebildete, ca. 83 cm hohe Tonfigur. Sie erscheint heute beige-grau mit terrakottafarbenen Flächen. Dies entspricht jedoch nicht der Originalfarbe, da die Tonfigur ursprünglich kalt bemalt wurde, die Farbe also nicht eingebrannt und damit haltbarer mit der Oberfläche verbunden war. Adolf Fischer, der vor 150 Jahren geborene Gründer des Kölner Museums für Ostasiatische Kunst (s. a. Bild der 18.Woche, „Ein Museum als erfüllter Lebenstraum“), erwarb diese Skulptur am 20. April 1910 in Peking. Sie gehört somit zum Grundbestand des 1913 eröffneten Hauses. Beim Anblick ihres zornigen Gesichtsausdrucks möchte der Betrachter gerne glauben, dass böse Geister und die Totenruhe störende Rabauken die Flucht ergreifen mussten. Die Pose unterstreicht die Siegesgewissheit über das vermeintlich herannahende Böse. Den linken Arm in die Hüfte gestemmt, den rechten Arm angewinkelt nach oben gerichtet erscheint die Figur als abwehrbereiter Krieger. In ihrer rechten, zur Faust geballten Hand hielt sie nach Erkenntnis der Wissenschaft eine nicht mehr vorhandene Lanze. Ihre Bekleidung ist dem Vorbild der damaligen Soldaten entnommen. Diese trugen einen eng anliegenden, reichverzierten Lederpanzer, der über den Schoß bis zu den Knien reichte, so wie ihn wohl die lebenden Krieger trugen. Der Helm mit Nackenschutz ist geschmückt mit einer Drachenfigur, die wie ein Schwan die Flügel spreizt. Für den Betrachter stellt sich nun die Frage, warum diese Darstellung eines Wächtergottes auf einem Schaf steht, wobei das rechte Bein auf dem Kopf des Tieres ruht. Die Wächterfiguren, die die Archäologen im Laufe zahlreicher Ausgrabungen gefunden haben, ähneln sich alle sehr. So wird gemutmaßt, dass die Wesen, auf denen die Figuren stehen, einer Zuordnung dienten. Das Schaf gehört zu den 12 chinesischen Tierkreiszeichen und steht für Friede und Harmonie. Experten ordnen diesen Wächter deshalb dem Buddhismus entlehnten Typus eines Lokapãla, eines Weltenwächters, zu. Er gehört zu den vier Weltenwächtern, die den Altar mit Buddha und Bodhisattva in alle vier Himmelsrichtungen beschützten.

M. E. Siems-Dahle