Treffen der alten Männer

Bild der 3. Woche - 16. bis 22. Januar 2006

Pablo Picasso, Brustbild eines Mannes mit Hut, 23.11.1970, Öl & Leinwand - 80 x 64,5 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 1421
Rembrandt (Harmensz van Rijn), Selbstbildnis, um 1663/1664, Öl auf Leinwand - 82,5 x 65 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 2526
Blick in die Galerie des Wallraf-Richartz-Museums- Fondation Corboud

Anläßlich des Jubliäums 2006 – 30 Jahre Museum Ludwig, 20 Jahre Neubau am Rhein – entleihen die beiden Museen (Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud und Museum Ludwig) für eine Dauer von jeweils drei Monaten vier Mal Hauptwerke ihrer Sammlugen, um diese gegenüberzustellen. Es werden neue unerwartete Blicke möglich. Ab dem 17.01.2006 treffen so auch Picassos spätes „Brustbild eines Mannes mit Hut“ und Rembrandts „Selbstbildnis“ (im Wallraf-Richartz-Museum) aufeinander. Rund dreihundert Jahre nach der Entstehung des Rembrandt-Selbstbildnisses, am 23. November 1970, zweieinhalb Jahre vor seinem Tod, malt Pablo Picasso das „Brustbild eines Mannes mit Hut“, ein Bildnis, das zu vielerlei Deutungen angeregt hat. Vielfach ist die Meinung geäußert worden, es handle sich bei diesem Bild um ein symbolisches Selbstporträt des fast 90jährigen, zumal das Spätwerk Picassos allgemein stark biographische Züge trägt. Jedenfalls ist es kein jugendliches Gesicht, in das wir hier blicken; vielmehr scheint es der Schädel eines Alten, unter der breiten schwarzen Hutkrempe dunkel verschattet. Gedanken an die Vergänglichkeit des Lebens werden wach. Die malerischen Mittel sind stark reduziert: Vor dem orange-roten Hintergrund sind die Konturen des Oberkörpers nur angedeutet; wie unter einem geöffneten Mantel blitzt ein gelb-weiß gestreiftes Unterkleid hervor. Vielleicht ist es ja tatsächlich der alte Picasso, der uns hier mit nur einem Auge anschaut. Anstelle des zweiten Auges klafft nämlich ein dunkles Loch. Dieser schwarz ausgefüllte Kreis ist bisweilen als Ausdruck des Gegensatzes zwischen Tag und Nacht, als Symbol für das Leben interpretiert worden. Dieser Deutung kann man sich anschließen - unabhängig von der Tatsache, ob wir hier tatsächlich ein Altersselbstbildnis Picassos vor uns haben. Seltsam ausdruckslos trifft der Blick den Betrachter, wie der Blick eines, der schon alles im Leben gesehen hat, der ins Licht und ins Dunkel geschaut hat. Und auch bei Rembrandts Selbstbildnis ist gerade die Augenpartie auffällig: Sein Lächeln zieht sich über das ganze Gesicht; allein die Augen blicken merkwürdig ernsthaft und verschattet. Wie Rembrandt Zeit seines Lebens seine Biographie mit Selbstbildnissen aufgezeichnet hat und vielfach in andere Figuren geschlüpft ist, um gleichsam kostümiert auf Facetten seiner Persönlichkeit zu verweisen, so hat sich auch Picasso - leidenschaftlich und expressiv - in vielerlei Masken dargestellt. 1939 scheint er der Mann zu sein, der in „Mann mit Pferden“ (Museum Ludwig Köln) zwei Pferde rechts und links (wohl sinnbildlich für die beiden Frauen, zwischen denen Picasso zu jener Zeit stand) zu bändigen vermag. 1953/54, verlassen von Frau und Kindern und des eigenen Alterns schmerzlich bewusst gemacht, stellt er sich mehrfach als gealterten Maler dar, vor sich die jugendlichen Modelle; zu Beginn der 1960er Jahre wandelt er dieses Motiv ab, erscheint stattdessen etwa in der Rolle des „Picadors“ mit nackter Tänzerin zu seiner Seite. Und namentlich Rembrandts um 1638 entstandenes „Selbstbildnis mit Saskia“, seiner jungen Frau (Gemäldegalerie Dresden), hat Picasso wohl zu seinem Gemälde „Das Paar“ von 1967 (Kunstmuseum Basel) angeregt - ein Thema, das er einige Jahre später, 1971, noch einmal in einer Radierung in veränderter Form festgehalten hat. Möglich also, dass wir auch im „Brustbild eines Mannes mit Hut“ Picasso vor uns haben, er sich hinter der Maske des alten, einäugigen Mannes mit Hut verbirgt, der mit dem (verbliebenen) Auge noch in den Tag schaut, während um das andere schon Nacht geworden ist.

B. Schaefer