Kannen und Kunst

Bild der 24. Woche - 12. bis 18. Juni 2006

Accumulation des brocs, 1961, 30 Emailkannen in Plexiglaskasten, 83 x 142 x 42 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 1006

Ähnlich der etwa zur selben Zeit entstehende Pop Art will der Nouveau Réalisme, zu dessen Begründern Arman gehört, das ungestaltete Alltagsobjekt zeigen. Aber er setzt am Ende, nicht am Anfang des Konsumkreislaufs an. Arman sammelt seit Ende der 1950er Jahre Müll und häuft ihn auf. Zunächst völlig ungeordnet wie in einer Ausstellung der Pariser Galerie Iris Clert („Le Plein“, 1960), dann nach sozialem Stand oder Berufsgruppen seiner 'Lieferanten' geordnet, oder nach Orten, nach Personen und schließlich auch nach der Art der Objekte. Diese 'Objet'-Sammlungen nennt er „Accumulations“ (Anhäufungen); kaputte Puppen, Wecker, Rasierer, Schlüssel kommen so in Glaskästen zusammen. Bei dieser Anhäufung von Kannen hat sich das serielle Prinzip bereits durchgesetzt. Obwohl der Künstler sonst betont, dass sich die Dinge von selbst anordnen, hat er hier doch etwas nachgeholfen: Zumindest die unteren Kannen stehen aufrecht, in Reih und Glied wie ein Trupp rostender Ritter. Wie viele von Armans Müll-Objekten zeigen auch diese eine zerbrechliche Schönheit und leuchtende Farbigkeit. Den Hintergrund bildet eine blinkende Rückwand. Die Kannen, im Müll gefunden und nun in ihrer Funktion als Gebrauchsgegenstand entbunden, werden in der Präsentation hinter Glas deutlich hervorgehoben, ihr Eigenwert wird sichtbar gemacht. In den Augen des heutigen Betrachters wird ihnen zusätzlich ein "Geschichtswert" zuerkannt. Material und Design der 60er Jahre – unterstützt von den deutlich sichtbaren Abnutzungsspuren – verbinden sich bei diesem Kunstwerk zu einem 'Blick in die Vergangenheit'. Die Vitrine, ihr sensibles Profil, der zeittypische schmale Metallrahmen, all dies machen den zeitlichen Abstand für jeden sichtbar. So stellt sich die Frage, ob sich das Werk Armans nicht selbständig 'weiterentwickelt' hat. Arman selbst sagte: "Ich behaupte, dass die Ausdruckskraft von Müll und unbrauchbaren Gegenständen schon ihren eigenen Wert in sich besitzt, in ganz direkter Weise, ohne nach ästhetischen Formen der Abfälle zu suchen, was sie verwischen und den Farben einer Palette gleichmachen würde". Gilt sein Statement noch uneingeschränkt?

J. FriedrichT. Nagel