Bilder einer Ausstellung VII: Altes in neuem Gewand

Bild der 34. Woche - 22. bis 28. August 2005

Georg Vischer, Christus und die Ehebrecherin, Nadelholz, 69,8 x 109,5 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Inv.-Nr. 1411
Verteilung der Angesprochenen Werke in der Ausstellung Ansichten Christi

Die Ausstellung "Ansichten Christi" des Wallraf-Richartz-Museums – Fondation Corboud ist selbstverständlich mit einer umfangreichen Website präsent. Über diese hinaus möchte die kleine Serie des Bildes der Woche zusätzliche Aspekte und Zusammenhänge der dort ausgestellten Werke vorstellen bzw. neue Blickwinkel auf die Ausstellung insgesamt eröffnen. Eine Ausstellung zum Christusbild in der Kunstgeschichte steht von Anfang an einem großen Problem gegenüber: Wie soll sie mit den Hauptwerken der Kunstgeschichte umgehen? Es ist schlecht möglich dem Besucher einen Hinweis zu geben in der Art: „Wir hätten Ihnen gerne das berühmte Werk XY gezeigt, aber man hat uns bei der Leihanfrage nicht ernst genommen“, oder: „Wir hätten ja gerne …, aber das Werk ist ein Fresko und also nicht transportabel“. Sicherlich gibt es gerade in der heutigen Zeit der digitalen Medien die Möglichkeit, originalgetreue Reproduktionen anfertigen zu lassen. Aber auch dies ist für eine Ausstellung nicht befriedigend, denn unsere von Bildern überflutete Umgebung ist vor allem eine Welt der Reproduktionen und die Ausstellung soll gerade das Original und seine „Aura“ erlebbar machen und nicht diesem Defizit der Reproduktion folgen. Es gibt jedoch noch einen anderen Weg, Werke, „die in einer Ausstellung des Christusbildes nicht fehlen dürfen“, dem Betrachter zu präsentieren, nämlich in der Form der künstlerischen Vergegenwärtigung, also vermittelt durch künstlerische Arbeiten. Beschäftigt man sich als Kunsthistoriker mit dem Thema „Christus und der Künstler“, dem IV. Kapitel der Ausstellung, so kommt einem unweigerlich das Selbstporträt Dürers von 1500 in den Sinn, auf welchem er sich in der Haltung des Christusbildes porträtiert. Dieses in München aufbewahrte Werk ist aus vielerlei Gründen nicht ausleihbar. In der Ausstellung zeigt eine Tafel von Georg Vischer (1), einem Maler des 17. Jahrhunderts, daß bereits zu dieser Zeit die Interpretation des Gemälde von Albrecht Dürer als Christusbild verstanden wurde. Ebensowenig wie die Tafel aus München ist es möglich, den weltberühmten Isenheimer Altar von Mathias Grünewald als Leihgabe zu erhalten. Die Ausstellung präsentiert dieses Werk in einer eigenständigen Interpretation der rechten Hand des Gekreuzigten durch Renato Guttuso (2) aus dem Jahre 1965. Leonardos Abendmahl aus Mailand kann schon deswegen nicht reisen, weil es ein Fresko ist und damit fest mit der Wand des Refektoriums verbunden. In der Ausstellung ist dieses große Werk der Kunstgeschichte zu sehen in der Bearbeitung durch einen nicht weniger bekannten Künstler: durch Andy Warhol (3). Vielleicht etwas weniger bekannt, jedoch vergleichbar bedeutend für die Kunstgeschichte ist Holbeins liegender Christusleichnam in Basel. Dieses Thema wird in der Ausstellung aufgegriffen durch Jean-Jacques Henners Gemälde (4) vom Ende des 19. Jahrhunderts. Vorbildhaft und weltbekannt ist die Darstellung des von den Füßen her gesehenen, liegenden Christuskörpers aus der Hand Mantegnas in Mailand. Dieses nicht einmal zur Mantegna-Ausstellung in London ausgeliehene Werk wird in der Ausstellung durch das Gemälde Annibale Carraccis (5) gegenwärtig gesetzt. Das bekannteste Werk der Kunstgeschichte, das Weltgericht Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle in Rom, ist in der Ausstellung präsent in einer Miniatur des Renaissancemalers Giulio Clovio. Er versucht das größte Werk durch die Miniaturmalerei ins kleinste Format zu bringen.

T. Nagel