Through Masters‘ Eyes (Teil 2)

Bild der 24. Woche - 13. bis 19. Juni 2005

Lee Mingwei
Victoria Yung-Chih Lu (geb. 1951, Taiwan), Tusche und Farben auf Papier, 34 x 26,7 cm, 2004
Jai Yuan (geb. 1941, Taiwan), Tusche und Farben auf Papier, Collage, 34 x 26,7 cm, 2004
Yujen Hsu (geb. 1951, Taiwan), Tusche auf Papier, 34 x 26,7 cm, 2004
Sun-hsin Hung (geb. 1967, Taiwan), Tusche und Farben auf Papier, Collage, 34 x 26,7 cm, 2004
Chuan-Chu Lin (geb. 1963, Taiwan ), Kohle und Tusche auf Papier, 34 x 26,7 cm, 2004

Im vergangenen „Bild der Woche“ stellten wir den ersten Teil und das Konzept des jüngsten Künstlerprojekts von Mingwei Lee vor, das bis zum 25. September 2005 im Museum für Ostasiatische Kunst ausgestellt ist. Nun möchten wir mit den fünf Werken der „taiwanesischen Gruppe“ (s. Abbildungen rechts), die zeitgleich mit dem jeweiligen Partner der „westlichen Gruppe“ entstanden, den Konzeptkünstler Lee selbst in einem Interview vorstellen. Mingwei Lee, 1964 in Taiwan als Sohn eines Kinderarztes geboren, verbrachte in seiner Jugend die Sommerferien in einem Zen-buddhistsichen Kloster. Er studierte in Washinton D.C. , Textilkunde mit Architektur im Nebenfach. Heute lebt er in New York. International bekannt wurde er durch Projekte wie „The Dining project“, „The Letter Writing project“ sowie „The Sleeping project“. Dem Konzeptkünstler Lee geht es in seinen Projekten um die Interaktion zwischen Künstler und Betrachter. In diesem aktuellen Interview erläutert Mingwei Lee sein jüngstes Projekt: BdW: Wie haben Sie die Künstler des Projekts ausgewählt? Mingwei Lee (ML): Ich habe die Hilfe von zwei Kuratoren jeweils in Taiwan und in New York in Anspruch genommen. Das war eine große Hilfe. Obwohl ich in Taiwan geboren bin, kenne ich mich in der dortigen Kunstszene nicht so gut aus. Ich bin durch meine Ausbildung mehr nach Nordamerika ausgerichtet. Wir haben auf den biographischen Hintergrund und auf das Gefühl für Astethik geachtet. Und natürlich auf die Ausbildung. Die meisten, nein, alle Künstler aus Taiwan haben eine Ausbildung in traditioneller chinesischer Malerei. Aber nur einer der westlichen Künstler, der erste, A. Chang, hat ebenso Erfahrung in der traditionellen chinesischen Malerei. BdW: Könnten Sie bitte noch einmal die Regeln des Projekts genauer erklären? In dem Artikel der Los Angeles Times las es sich so, als ob nach den ersten beiden Künstlern, die ja nur die Fotokopie des Original Shitao-Albumblatt aus dem 17. Jahrhundert erhielten, die nachfolgenden Künstler sowohl das Werk ihres unmittelbaren Vorgängers als auch die Fotokopie des Originals als Vorlage erhielten. In Ihrer eigenen Ausführungen dagegen... ML: Nein, so war es nicht. Bis auf das erste Paar erhielten alle weiteren Künstler nur das Bild des Vorgängers ihrer Gruppe. Sie haben mich oft nach der Fotokopie des Originals gefragt. Das Albumblatt ist öffentlich zugänglich für jeden, der Internet hat. Es ist auf der Webseite des Los Angeles County Museum of Art (LACMA) veröffentlicht. Von daher hätten sie es sich dort ansehen können. Aber ich habe es ihnen nicht gegeben. Die nachfolgenden Künstler bekamen nur die Arbeit des Vorgängers. BdW: Das erklärt, warum die späteren Werke viel freier und lockerer vom Original abweichen als noch die ersten. ML: Ja. Ich wurde oft gefragt, was sie jetzt kopieren sollten, das Original von Shitao oder das Werk ihres Vorgängers. Das war ein echtes Problem für die Künstler. Ich habe die Frage zurückgegeben. Ich habe gefragt: „Was wollen Sie?“ Obwohl es mein Projekt war und ich der „mastermind“ dahinter war, wollte ich die Künstler nicht vom selbstständigen Denken abhalten. Im Gegenteil, ich wollte, daß sie selbst nachdenken und entscheiden. BdW: Das kam auch in einem mit Ihnen geführten Interview zu einem Ihrer Projekte heraus. In dem man Menschen zu viele oder zu genaue Vorgaben macht, hält man sie davon ab, selbst zu überlegen und kreativ zu sein. ML: Ja, genau. BdW: Warum sind es nur elf Blätter? Eigentlich müßten es doch zwölf sein, weil alles paarweise ausgerichtet war. Ein Künstler aus Taiwan fehlt. Warum nahmen Sie nicht persönlich daran teil? Sie hätten der fehlende Künstler aus Taiwan sein können. ML (lacht): Da haben Sie mich! Ja, Sie haben Recht, es hätte noch ein sechster aus Taiwan dabei sein sollen. Richtig gesehen bin ich das. Ich bin der „mastermind“ dahinter. Aber von mir gibt es kein Blatt. Sonst hätten die Besucher der Ausstellung gedacht: „Diese fünf sind so gut, aber das sechste ist so schlecht – wer ist das? O mein Gott! Mingwei Lee selbst!“ (lacht) Ich wollte mir und dem Publikum die Blamage ersparen. (lacht wieder) BdW: Eine sehr persönliche Frage zum Schluß, die Sie nicht beantworten müssen, wenn Sie nicht wollen: Wovon leben Sie? Können solche Projekte die Miete bezahlen? ML: Ich weiß, was Sie meinen. Sie haben Recht. Diese Projekte haben keinen wirtschaftlichen Nutzen und sind nicht kommerziell. Davon kann man also nicht leben. Ich habe das große Glück und das Privileg, daß ich von zwei Seiten her abgesichert bin. Da ist zum Beispiel eine Stiftung, die mich unterstützt, solange ich kreativ bin. Ich bin kein wohlhabender Mann, aber ich brauche mir keine Sorgen um die elementaren Dinge zu machen und kann das tun, was mir Freude macht. Ich habe vorher Biologie und Architektur studiert und es hat mir keine Freude gemacht, obwohl ich damit bestimmt gut verdient hätte. Mir aber geht es um Experimente und um persönliche Erinnerungen. Und darum, richtig bewußt zu leben. Ich frage mich jeden Abend, ob ich diesen Tag richtig bewußt gelebt habe, dann bin ich zufrieden.

B. Clever