Bilder einer Ausstellung V: neue Perspektiven

Bild der 31. Woche - 2. bis 8. August 2005

Mellan, Claude (Kopie nach), Das Schweisstuch der Veronika, 1735, Kupferstich, 44,6 x 32,6 cm (Blatt); 43,2 x 31,6 cm (Darstellung), Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr.: 10056
Verteilung der Angesprochenen Werke in der Ausstellung Ansichten Christi

Die Ausstellung "Ansichten Christi" des Wallraf-Richartz-Museums – Fondation Corboud ist selbstverständlich mit einer umfangreichen Website präsent. Über diese hinaus möchte die kleine Serie des Bildes der Woche zusätzliche Aspekte und Zusammenhänge der dort ausgestellten Werke vorstellen bzw. neue Blickwinkel auf die Ausstellung insgesamt eröffnen. Eine ganze Reihe von Werken der Ausstellung wird dem Titel „Ansichten Christi“ in besonderer Weise gerecht, indem sie dem Betrachter durch überraschende formale Idee eine im doppelten Sinne des Wortes ungewohnte Perspektive auf das Christusbild eröffnen. Die Kopie eines verlorenen Gemäldes von Grünewald (1) läßt uns sozusagen von schräg hinten auf den Christus des Isenheimer Altares blicken. Das Kreuz steht rechts, der Blick geht links an Stamm und Gekreuzigtem vorbei. Ziel ist hier das Gesicht der vor dem Kreuz knienden, im Schmerz versunkenen Maria Magdalena. Auch Jean-Léon Gérôme lenkt in seinem Werk „Consumatum est“ (Es ist vollbracht) (2) den Blick des Betrachters am Kreuzigungsgeschehen vorbei: Während links die Soldaten das Hinrichtungsgelände verlassen, fallen rechts die Schatten der Kreuze und der Gekreuzigten ins Bild. Fasziniertes Erschaudern ergreift den Betrachter, ausgelöst durch diesen Kontrast von Sehen und Nicht-Sehen der Kreuze, vom Gegensatz zwischen plötzlich einbrechender Dunkelheit und gleißendem Licht. Staunend steht man auch vor einem weiteren Werk: Ein Kupferstich nach einer Vorlage Claude Mellans (3) zeigt uns das Antlitz Jesu auf dem Schweißtuch der Veronika. „FORMATUR UNICUS UNA“ ist unten zu lesen: Der Eine wurde durch die eine geformt. Gemeint ist hier: Das Christusbild wurde in einer in konzentrischen Kreisen laufenden Linie gestochen, beginnend auf der Nasenspitze. Eine technische Meisterleistung und zugleich „gestochene“ Theologie. Die vielen Möglichkeiten des subjektiven Blickes, sich Christus zu nähern, werden ironisch in einem Blatt (4) aus der Zeit um 1600 zusammengefaßt. Der Autor zeigt den kreuztragenden Christus umgeben von Malern. Diese arbeiten daran, die Situation auf ihrer Leinwand festzuhalten. Doch jeder malt etwas anderes. Der eine einen Teufel, der andere eine attraktive Frau, wieder andere verschiedene Szenen aus dem Leben Jesu, nur derjenige der dem Betrachter am nächsten ist, malt den Kreuztragenden. Ungewöhnlich für die Darstellung einer Pietá ist die Perspektive im Bilde von Cavallino (5). Er zeigt den Leichnam Christi schräg von der Seite, zudem in hellem Licht, so als stehe der Betrachter nicht weit entfernt neben der Szene. Die Gottesmutter Maria beugt sich leicht über ihren Sohn und weist aus dem Schatten heraus nach unten, dorthin, wo der Altartisch mit der Hostie, dem gewandelten Leib Christi, seinen Platz hat. Andrea Mantegna machte es in seinem berühmten Werk des Christus „in scorcio“, also des auf dem Salbstein liegenden, von den Füßen her gesehenen toten Christus, virtuos vor: die perfekte Beherrschung der extremen perspektivischen Verkürzung verbunden mit Christus als dem wichtigsten Motiv menschlicher Kunst. Annibale Carracci (6) setzte noch „eins drauf“. Er sagte sich, gradlinige Perspektive läßt sich mit technischen Mitteln konstruieren, ein im Oberkörper zusätzlich zur Seite verdrehter Christus nicht. Dies ist die Spitze der perspektivischen Kunstmalerei.

T. Nagel