Bilder einer Ausstellung III: Ausdrucksstarke Gesten

Bild der 29. Woche - 18. bis 24. Juli 2005

Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino, zugeschrieben. Der ungläubige Thomas. Öl auf Leinwand, 120 x 143 cm, Vatikanstadt, Vatikanische Museen, Pinakothek, Inv.-Nr. 40383
Verteilung der Angesprochenen Werke in der Ausstellung Ansichten Christi

Die Ausstellung "Ansichten Christi " des Wallraf-Richartz-Museums – Fondation Corboud ist selbstverständlich mit einer umfangreichen Website präsent. Über diese hinaus möchte die kleine Serie des Bildes der Woche zusätzliche Aspekte und Zusammenhänge der dort ausgestellten Werke vorstellen bzw. neue Blickwinkel auf die Ausstellung insgesamt eröffnen. Erwähnt man vor kunsthistorisch gebildetetem Publikum das Bildthema der Erschaffung des Adam, so werden sicherlich viele der Zuhörer die Geste vor Augen haben, mit welcher Michelangelo in seinem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle den entscheidenden Moment der Belebung bildhaft zusammenfaßt: Die Fingerspitze Gottes berührt de Fingerspitze Adams. Mit vergleichbarer Ausdrucksstärke faßt Guercino in seiner Darstellung der Begegnung Christi mit dem Apostel Thomas (1) die Situation zusammen. Thomas hatte die Nachricht von der Begegnung mit dem Auferstandenen mit der Bemerkung quittiert, er würde dies erst glauben, wenn er seine Hand in die Seitenwunde Christi legen könne. Das Bild zeigt nun – entgegen der biblischen Schilderung – den Vollzug dieser Ankündigung. Im Zentrum dieses nur mit Personen räumlich strukturierten Bildes steht die Geste des Thomas. In dieser ist das Erstaunen des Apostels, das Weichen seines Unglaubens, aber auch die liebevolle Hingabe Christi in eine Bewegung zusammengebunden. Nach der anstrengenden Beschäftigung mit Leonardos Abendmahlfresko widmetet sich Andy Warhol gegen Abend den Details des Werkes. In einer Pinselzeichnung (2) griff er die linke Hand Jesu auf und isolierte damit die von diskutierenden Aposteln umgebene, in sich ruhende Christusfigur. In dieser Szene hatte Christus kurz zuvor den Aposteln mitgeteilt, daß einer von ihnen ihn verraten werde. Durch die Reduzierung Christi auf diese ruhige, Hingabe symbolisierende Geste hebt Warhol nicht nur den Kern der Situation treffsicher hervor, er schafft zugleich einen wunderbaren Bezug zwischen Eucharistie und Abendmahl. Die überlebensgroße Christusbüste Berninis (3) besitzt keine Attribute, welche die Darstellung als Christus ausweisen. Neben dem zeitlosen Gewand und den wallenden Haaren ist es vor allem die Geste seiner Hand, welche diese Skulptur zu einem Christusbild macht. Dabei ist die Aussage der Geste noch nichteinmal eindeutig: Ist es ein Segensgestus? Zeigt der auferstandene Christus dem Betrachter seine Handwunde? Will Christus die sich nähernde Magdalena zurückweisen (noli me tangere)? Aber ist es nicht auf jeden Fall die Hand, deren Geste allmächtig ist? Zu den malerischen Herausforderungen bei der Darstellung der Taufe Jesu gehört es, die himmlische Stimme darzustellen, die Jesus als Sohn Gottes offenbart. Lorenzo di Monaco (4) benutzt hierzu eine ganz sensible Geste: Christus steht im Jordan, sein Ohr ist nicht vom Haar verdeckt, es ist sozusagen zum Hören bereit. Die in Richtung Mund weisende Geste Jesu will den Betrachter veranlassen, aufzumerken, still zu sein und zu hören. Letztlich ist diese Aufforderung auf die gesamte Botschaft des Evangeliums bezogen. Ein kleines westdeutsches Altärchen des 15. Jahrhunderts (5) zeigt in seiner Mitte die Anbetung des Kindes durch die Hl. Drei Könige. Im Zentrum dieser Darstellung wiederum steht eine kleine Geste, in welcher die doppelte Natur Christi, sein Menschsein und sein Gottsein, in nicht mehr zu steigernder Komprimierung zum Ausdruck kommt: Der mittlere und kraftvollste der Könige kniet vor dem Christuskind und küßt ihm in ehrfürchtiger Verehrung die Hand. Diese Geste zeigt das Kind und den Weltenherrscher in einem, es begegnen sich das menschlich Kleine und das göttlich Große.

T. Nagel