Bilder einer Ausstellung VI: Männer des Schmerzes

Bild der 32. Woche - 8. bis 14. August 2005

Byzanz, um 1300, Mosaik-Ikone, 19 x 13 cm, Rom, Santa Croce in Gerusalemme
Verteilung der Angesprochenen Werke in der Ausstellung Ansichten Christi

Die Ausstellung "Ansichten Christi" des Wallraf-Richartz-Museums – Fondation Corboud ist selbstverständlich mit einer umfangreichen Website präsent. Über diese hinaus möchte die kleine Serie des Bildes der Woche zusätzliche Aspekte und Zusammenhänge der dort ausgestellten Werke vorstellen bzw. neue Blickwinkel auf die Ausstellung insgesamt eröffnen. Raum bzw. Kapitel III der Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage, woher die Künstler ihre Vorgaben für die Darstellung Christi bezogen. Was sind die Urbilder der Christusdarstellung. Diese Frage wird in der Ausstellung mit einer Reihe von Werken beantwortet, welche auch historisch die „Urbilder“ der Kunstgeschichte darstellen. Eines dieser Werke ist die Mosaikikone aus Santa Croce in Gerusalemme in Rom (1a). Mit unglaublich kleinen Mosaiksteinen (besser Mosaiknadelspitzen) zeigt sie den sogenannten Schmerzensmann, den halbfigurigen, aufgerichteten Leichnam Christi. Der Legende nach sah Papst Gregor der Große während einer Messe dieses Bild als Vision. Von dieser „Ur-Version“ breitete sich das Bildthema in der abendländischen Malerei aus. Weitere vier Darstellungen des Schmerzensmannes (1b – 1e) sind in der Ausstellung der Mosaikikone zur Seite gestellt. Spannend ist es jedoch zu beobachten, wo und wie dieses Thema in den anderen Sälen bzw. Kapiteln der Ausstellung auftaucht und in neue Zusammenhänge gestellt wird. Sofort im ersten Saal ist es als „Randthema“ der Auferstehung zu sehen auf einer kleinen Tafel vom Ende des 14. Jahrhunderts (2) und zugleich scheint die Aussage, daß die Mosaikikone Vorbild war, nicht zu greifen, denn diese Darstellung als stehender und lebendiger Schmerzensmann ähnelt kaum der römischen Vorlage. Dies ist eine „eigene Tradition in Deutschland“ sagen die Fachbücher hierzu. Der Blick auf die erhaltenen Werke bestätigt diese Aussage. Im dritten Saal finden wir einen Schmerzensmann in einer Darstellung, die den Titel „Vera Ikon“ (3) trägt und dem Maler Giambono zugeschrieben wird. Der Maler geht mit dem Thema des Veronikabildes (Vera ikon – Veronika – Schweißtuch) sehr frei um. Er zeigt das Antlitz Christi wie beim Schmerzensmann im geneigten Halbprofil und nicht frontal. Ferner hebt er es fast plastisch vom Schweißtuch ab. Damit wird es zu einer Art „Vexierbild“, in dem sich abwechselnd mehrere Themen erkennen lassen, eben auch der Schmerzensmann. In Saal V, dem graphischen Kabinett der Ausstellung, ist der Schmerzensmann in einer italienischen Zeichnung von um 1500 (4) zu sehen. Auch dieser Autor interpretiert das Thema eigenständig, indem er den Schmerzensmann zwischen Kreuz und Grab positioniert. Die ausgebreiteten Arme scheinen auch auf einen lebendigen Christus hinzuweisen. Raum VII der Ausstellung ist dem Thema der Passion gewidmet und zeigt daher das Thema des Schmerzensmannes noch einmal z. B. in Werken von Cranach, Marco Zoppo und dem Meister des Sinziger Kalvarienberges (5b – 5d). Eine vielseitigere Deutung des Themas liefert hier der Florentiner Maler Volterrano (5a). Er zeigt Christus laut Titel als „Ecce Homo“ – jedoch ohne den dazugehörenden Pilatus bzw. das Volk. Es könnte aber auch der Christus der Verspottung sein, angetan mit einem roten Gewand. Der geneigte Kopf und die über Kreuz gelegten Hände verweisen jedoch auch überdeutlich auf die römische Tradition des Schmerzensmannes. Das um die Schulter gelegte rote Tuch wird hier dann zum „Strom des Blutes“.

T. Nagel