Der Papst und der Kaiser
Die Vollendung des Kölner Domes

Bild der 33. Woche - 15. bis 21. August 2005

Die Entgegennahme des historischen Festzuges durch das Kaiserpaar bei Gelegenheit der Vollendung des Domes, 1884, Öl auf Leinwand; 77 x 112 cm. Wallraf-Richartz-Museum – als Dauerleihgabe im Kölnischen Stadtmuseum

Wenn in diesen Tagen des August der Papst und die Jugendlichen der Welt in den Kölner Dom ziehen, so tun sie dies genau 125 Jahre nach seiner Fertigstellung. Der kaiserliche Terminplan verlangte jedoch eine Verlegung der offiziellen Feierlichkeiten: So beging die Stadt Köln am 15. Oktober 1880 in Anwesenheit der kaiserlichen Familie feierlich die Vollendung des Doms. Der 15. Oktober war der Geburtstag des verstorbenen Friedrich Wilhelm IV. Weihbischof Johann Baudri empfing in Vertretung des unfreiwillig abwesenden Erzbischofs Paulus Melchers – die Vollendung fiel in die Zeit des Kulturkampfes – das Kaiserpaar und weihte die nach 632 Jahren endlich fertig gestellte Kathedrale. Mit 157,38 Metern war sie eine Weile das höchste Bauwerk der Welt. Am folgenden Tag, dem 16. Oktober 1880, zog der von Kölner Bürgern nach Anleitung Düsseldorfer Künstler gestaltete große historische Festzug zu Ehren des Kaisers durch Köln. Der Zug formierte sich am Neumarkt und zog ab 11 Uhr vor dem Kaiserzelt vorbei. Hinter dem Kaiserpaar Wilhelm und Augusta erkennt man das Kronpinzenpaar Friedrich und Victoria, links die Büste von Friedrich Wilhelm IV. Um möglichst vielen die Gelegenheit zu geben, Umzug und Kaiserfamilie zu sehen, war sogar das Dach des Domhotels abgedeckt worden. Im Festzug wurden alle Etappen des Dombaus, von der Grundsteinlegung des gotischen Doms 1248, über die Zeit der Chorweihe 1322 bis zur Zeit der zweiten Grundsteinlegung 1842 und dem endgültigen Ausbau dargestellt. Die künstlerische Leitung hatten der Düsseldorfer Akademieprofessor Wilhelm Camphausen und seine Mitarbeiter Albert Baur, Wilhelm Beckmann (dieser war für »Die Zeit der Hanse«, die gerade den Kaiserpavillon passiert, verantwortlich), Ernst und Fritz Roeber ehrenamtlich übernommen. Dem Kaiser, der sich den Zug von Oberbürgermeister Hermann Becker erläutern ließ, gefiel der Zug so gut, dass er ihn ein zweites Mal »entgegennahm« (allerdings ohne die schwerfälligen Festwagen). Das „Comité des Festes der Vollendung des Domes“ konnte nach Abschluss der Feierlichkeiten einen beträchtlichen überschuss an Spendengeldern vorweisen und gab 1881 dem aus Norwegen stammenden, in Düsseldorf ausgebildeten und lebenden Künstler Vincent Stoltenberg Lerche (1837–1892) den Auftrag, dieses Ereignis in Öl festzuhalten. Neben der Erinnerung an ein denkwürdiges „Event“ feierte das Kölner Großbürgertum sich vornehmlich selbst. Aus den Überschüssen wurden auch die Wandgemälde für den Großen Festsaal des Gürzenichs finanziert, die im letzten Krieg zerstört wurden. Dort erschien das Kölner Großbürgertum, zum größten Teil erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zugewandert und nicht selten evangelischen Bekenntnisses, in der Rolle der traditionellen Patriziergeschlechter. So wurde der Kreis von den Anfängen des gotischen Doms bis zu seiner Vollendung – zumindest ideologisch – geschlossen.

R. Wagner