HOMO - BVLLA

Bild der 35. Woche, 1. bis 7. September 2003

Bartholomäus Bruyn der Ältere, Homo Bulla, um 1525/30, Eichenholz, 46 x 35 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Dep. 389
Bartholomäus Bruyn der Ältere, Homo Bulla, um 1525/30, Eichenholz, 46 x 35 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Dep. 389, Detail

HOMO BVLLA Diese Worte hören sich in unseren Ohren nach einer Bezeichnung für eine Frühmensch-Gattung - vielleicht sogar nach einem Schimpfwort an. Als Inschrift auf einem Gemälde aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind sie jedoch ein bedeutendes Zeugnis für die Geistes- und Kunstgeschichte Kölns im 16. Jahrhundert. Wieso das? Werfen wir zunächst einen Blick auf das Köln des 15. Jahrhunderts. Während das Denken und Schaffen der Menschen südlich der Alpen im 15. Jahrhundert bereits durch die Renaissance geprägt war, herrschte nördlich der Alpen noch das Spätmittelalter vor. Köln war in dieser zeit mit ca. 40.000 Einwohnern nicht nur eine der größten Städte Europas, Köln war auch zentrales Handels- und Verkehrszentrum sowie Hochburg spätmittelalterlicher Kunst. Trotz dieser besonderen Betonung Kölns herrschte in der Stadt eine traditionsgebundene, den Neuerungen der Zeit nicht allzuschnell zugetane Lebenshaltung. Neue Einflüsse - im 15. Jahrhundert kamen sie zunächst aus den Niederlanden - brauchten Zeit, bis sie sich in der Kunst der Stadt bemerkbar machten. Wenn man seit etwa der Mitte des 15. Jahrhunderts Vertreter des aufkommenden Humanismus in Köln findet, so blieb das geistige Leben der Stadt dennoch weitgehend mittelalterlich geprägt. Ein Ende deutete sich erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts an. Zwischen 1511 und 1514 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der das Mittelalter prägenden Scholastik und des neuzeitlichen Humanismus, welche in Bücherverbrennung und schließlich 1515 in den sogenannten Dunkelmännerbriefen gipfelten, einer humanistischen Spottschrift auf die Kölner Vertreter der Scholastik. Der Zeitpunkt dieser Abrechnung mit mittelalterlichem Denken markiert ungefähr die Zeit, in welcher sich die Kunst und das Lebensgefühl der Stadt vom Mittelalter löste - in Italien hatte Michelangelo gerade die Deckenmalerei der Sixtinischen Kapelle fertiggestellt!. Kennzeichen hierfür sind z. B. die in dieser Zeit beginnende große Zahl von Porträtdarstellungen Kölner Bürger - einem Bildthema, welches im Spätmittelalter nur bei Stifterdarstellungen auf Altären möglich war. HOMO BVLLA - etwa 1525/30 gemalt - ist nun eindeutig kein mittelalterliches Thema mehr. Der Knabe erinnert zwar noch an Darstellungen des Christusknaben, seine Nacktheit, der dunkle Hintergrund, das Standmotiv (Kontrapost) u.a.m. weisen jedoch eindeutig auf neuzeitliches Kunstempfinden hin. Ganz offensichtlich wird die Beziehung dieses Bildes zum Humanismus durch den Bildtitel: homo bulla = Mensch Seifenblase. Der Mensch ist (vergänglich) wie eine Seifenblase. Dieses vom antiken Schriftsteller Markus Terentius Varro stammende Sprichwort war 1508 vom großen Humanisten Erasmus von Rotterdam aufgegriffen und in einer Sprichwörtersammlung publiziert worden. Das Seifenblasen-Motiv wird nicht nur genannt, es ist im Bild auch zu sehen - wenn auch kaum wahrnehmbar (s. Detailbild). Der Knabe hält in der Linken ein gläsernes Stielnäpfchen und in der Rechten ein gläsernes Pusteröhrchen, mit welchem er die über dem Stielnäpfchen aufschwebende Seifenblase geblasen hat.

T. Nagel