Das Jahr der Ziege: Hoffentlich friedliebend, freundlich, künstlerisch

Bild der 4. Woche - 27. Januar bis 3. Februar 2003

Jahr der Ziege, Vermutlich Shibata Yasunobu (tätig um 1790), Farbholzschnitt, Egoyomi 10,3 x 13,8 cm, datiert 1787; Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, R 71,47

Die Ziege ist das 8. der 12 Tierzeichen im chinesischen Tierkreis. Die Tierzeichen gelten im Unterschied zu den europäischen jedoch immer für ein ganzes Jahr. Das Jahr richtet sich nach alter Tradition nach dem Mondkalender mit dem Monatswechsel an Neumond. 2003 wird das chinesische Neujahrfest an diesem Samstag, dem 01. Februar gefeiert. Wie in Europa werden jedem Tierzeichen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben, die sich nach asiatischem Glauben auf den Charakter der in dem betreffenden Jahr geborenen Menschen auswirken. Die Ziege, die mit dem weiblichen Pol Yin und dem Element Feuer verbunden wird, gilt als friedliebend, freundlich, künstlerisch begabt und zeigt eine ausgesprochene Liebe zu allem Schönen. Sie versucht, in jedem Menschen das Beste zu sehen - was sie selbst natürlich mit einschließt – und für alle möglichst harmonische Verhältnisse zu schaffen. Da sie jedoch nicht davon ausgeht, dass Frieden von allein kommt, ist sie sehr engagiert und immer bereit, für den Frieden zu kämpfen. Ihre künstlerische Ader befähigt die Ziege zu Arbeit in kreativen Berufen, wobei sie in ihrem Engagement leicht zum Perfektionismus neigt. Sie weiss sich den Erfolg zu erarbeiten und wird durch hervorragende Ergebnisse belohnt. Allerdings sind Ziegen in den praktischen Dingen des Lebens meist nicht besonders bewandert, so dass sie die Unterstützung ihrer Familie und ihrer Mitarbeiter brauchen, um sich wirklich entfalten zu können. Typische Berufe sind zum Beispiel Künstler, Schauspieler, Kurtisane, Tänzer, Wahrsager, Investor und Anleger. Unser Farbholzschnitt zeigt ein Neujahrsbild mit einer Kurtisane in einem Innenraum. Hinter ihr in der Tokonoma, der Bildnische, hängt ein Rollbild mit einer Ziege unter Kiefernzweigen, ein Hinweis auf das Jahr der Ziege. Die Kiefer dient ähnlich wie in Europa als Winterschmuck und wird vor allem an Neujahr zur Dekoration verwendet. Auf dem Gürtel des Kimono, dem Obi, sind die Zahlzeichen 7, 9, 12, 15 für ein „großes Jahr“ zu erkennen, woraus der Holzschnitt als Kalenderbild (jap. Egoyomi) zu interpretieren ist. Nach dem Mondkalender mussten nämlich in 19 Jahren sieben Schaltmonate eingefügt werden, weshalb sich eine Unterteilung in „groß“ und „klein“ ergab. Kalenderblätter wie das hier vorgestellte erfreuten sich besonders in der Edo-Zeit (1603-1867) großer Beliebtheit. Vor der Kurtisane steht ein niedriges sechseckiges Tischchen mit einem Neujahrsarrangement, davor ein Körbchen mit Nähzeug. Rechts neben ihr steht eine Lacktruhe. Die Kurtisane ist gerade dabei, einen Faden in eine Nähnadel einzufädeln, ein erotisches Symbol, das ebenso wie der rote Kragen des Untergewandes auf ihre gesellschaftliche Stellung hinweist. Die Kurtisane sitzt mit ihrer Näharbeit in der Nähe der Veranda. Die Schiebetüren sind geöffnet, so dass der Blick in den Garten frei ist, der lediglich durch ein paar Bambuszweige angedeutet wird. Der Holzschnitt stammt vermutlich von Shibata Yasunobu, der um 1790 als Holzschnittkünstler tätig war. Hauptmotiv seiner Werke, die er mit Tôen bzw. Tôensai signierte, waren schöne junge Damen (jap. Bijin) wie die hier dargestellte Kurtisane. Kalenderblätter wurden meist als Auftragswerke hergestellt, die man an Neujahr an Freunde, Bekannte und Geschäftspartner oder gute Kunden verschenkte.

J. Altmann