Lee Krasner, Vernal Yellow

Bild der 2. Woche - 13. bis 20. Januar 2003

Lee Krasner (Brooklyn, New York 1908 -1984 New York) Vernal Yellow (Frühlingsgelb), 1980, Öl, Collage auf Leinwand, 149,8 x 177,8 cm, Sammlung Ludwig, ML 1342, Erworben 1981, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998

Mitte der fünfziger Jahre verarbeitete Krasner in collagierten Ölbildern von ihr verworfene Zeichnungen und Gemälde. Fünfundzwanzig Jahre später wendet sie die gleiche Technik in einer Werkreihe an, die 1980 in der New Yorker Pace Gallery unter dem Titel "Solstice" (Sonnenwende) ausgestellt wurde und aus der "Vernal Yellow" stammt. In "Frühlings-Gelb" integriert Krasner zerschnittene Fragmente figurativer Kohlezeichnungen aus den dreißiger Jahren sowie ungegenständliche, gestisch ausgeführte Lithographien der "Pink Stone" und "Gold Stone"-Serien von 1969 in die mit Weiß, unterschiedlichen Rosa-, Rot-, Gelb- und Grüntönen bemalte Leinwand. Die die ganze Bildfläche gleichwertig ausfüllende Komposition (all-over) vermittelt die Dynamik und Vitalität des Abstrakten Expressionismus à la Jackson Pollock. Bei näherer Betrachtung entfaltet sich eine Spannung zwischen Linie und Farbe, Abstraktion und Figuration, Fläche und Raum. Runde, an Blütenblätter oder Brüste erinnernde Formen, sind locker um eine imaginäre Mittelachse angeordnet, die ihre Entsprechung findet in den vertikalen Begrenzungen an den seitlichen Rändern. Sie rufen Assoziationen an De Koonings Frauenakte und Gorkys Landschaften hervor, wobei beide Künstler figurative Anspielungen nur andeutungsweise aufscheinen lassen. Aber auch die Beschäftigung der Künstlerin mit den Scherenschnitten von Matisse und dem Kubismus Picassos findet ihren Niederschlag in "Frühlings-Gelb". Das Werk verweist auf Kosmologisches und Biographisches: angeregt durch Stravinskys "Sacre du Printemps" setzte sich Krasner mit dem Verlauf der Jahreszeiten auseinander: "Vernal" bezieht sich auf die Frühlings-Tagundnachtgleiche am 21. März, während die Sonnenwende am 21. Juni den Sonnenhöchststand und somit den Moment der am weitesten gespannten Grenzen des Kreislaufs der Natur markiert. In einem Interview sagte Krasner über ihr Verhältnis zur Natur: "Ich habe mindestens die Hälfte meines Lebens auf dem Land gelebt, in der Nähe des Meeres. Ich sitze immer noch auf der hinteren Veranda und beobachte den Himmel und das Wasser...Ich nehme die Farben des Frühlings und des Herbstes wahr. Deshalb sind "Frühlings-Gelb", "Herbst-Rot", "Flut" und "Ebbe" (alle von 1980) "...tägliche Erfahrungen für mich."

C. Funke