Mord in der Königsfamilie

Bild der 3. Woche - 20. bis 27. Januar 2003

Athalia läßt ihre Enkel töten Glasfenster vermutlich aus der Kartause St. Barbara, Köln 66 x 80 cm, Kölnisch 1465, Museum Schnütgen, Inv. Nr. M 528

Diese Glasfensterszene zeigt eine Begebenheit aus dem Zweiten Buch der Könige (2 Könige 11,1-20), in welchem – wie auch in den anderen historischen Bücher des Alten Testamentes - zum Teil sehr drastisch die Machtkämpfe der jüdischen Herrscherfamilien geschildert werden: Nachdem der Sohn Athalias, der König Ochozia, getötet worden war, riss Athalia die Herrschaft an sich und ließ alle Nachkommen des königlichen Hauses töten. Nur ein Sohn des verstorbenen Königs, Joas, entging knapp dem Tode. Durch einen Bogen erblickt der Betrachter die Szene, die sich in einem von drei Seiten geschlossenen Raum abspielt. Athalia sitzt unter einem Brokat-Baldachin und hält als Zeichen ihrer Herrschaft einen Stab in der Hand. Nach links gewandt, erteilt sie mit ungnädiger Miene den Mordbefehl. Der Henker in der Mitte des Raumes führt den Befehl der Königin aus: mit erhobenem Schwert ist er im Begriff, eines der Königskinder zu töten. Drei weitere erschlagene Kinder liegen bereits auf dem Boden. Am linken Bildrand steht Josaba, die Schwester Ochozias, und hält das kleinste Kind, ihren Neffen Joas, in den Armen, der wie seine Brüder gekrönt ist. Unbemerkt gelingt es Josaba, Joas in Sicherheit zu bringen und seine Rettung sechs Jahre lang vor Athalia zu verbergen. Im 7. Jahr wird der junge Joas schließlich zum wahren König erhoben. Seine Großmutter Athalia hingegen wird gestürzt und aufgrund ihrer Taten zum Tode verurteilt. Die Geschichte von Athalia und dem Mord an ihren Enkelkindern wird in der bildenden Kunst selten dargestellt. Meistens findet man die Szene in der Armenbibel (biblia pauperum) verbildlicht, wo sie als Gegenüberstellung (Typus) zu dem neutestamentarischen Kindermord von Bethlehem fungiert. Von dieser, im Museum Schnütgen bewahrten Glasmalerei wird vermutet, dass sie aus dem Kreuzgang der Kölner Kartäuserkirche stammt. Im 17. Jahrhundert wird in der Geschichte der Stadt Köln sowie in der Chronik der Kölner Kartause von einem entsprechenden Glasmalereizyklus aus dem Jahre 1465 berichtet. Auch der Stil der Darstellung, ihre Komposition und die Figurentypen weisen auf die Entstehung der Scheibe in der Mitte des 15. Jahrhunderts hin. Die Glasmalerei stammt aus der Sammlung des Kölner Kanonikers Ferdinand Franz Wallraf, von wo sie zunächst ins Kölner Kunstgewerbemuseum gelangte. Seit 1932 befindet sie sich im Museum Schnütgen.

E. Kolisnyk