Weltgericht en detail ... (4)

23. bis 30. Dezember 2002

Hans Burgkmair (1473-1531), Zeichnung nach dem Weltgericht von Stefan Lochner, Feder und schwarze Tinte, 20,4 x 28,7 cm, Stockholm, Nationalmuseum, NMH 100/1918
Stefan Lochner (um 1400 - 1451), Weltgericht, um 1435, Eichenholz, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Inv.-Nr. wrm 66, 124 x 172 cm

.... Der alte Man stützte sich erneut auf seinen Stock und machte Anstalten, aus dem Türrahmen hinaus; ganz in die Gerichtshalle des Rathauses zu treten. Dann hielt er in einiger Entfernung doch inne und zögerte einen Moment. Er hatte den jungen Man schon eine ganze Weile beobachtet. Dieser saß unmittelbar vor dem Richtersitz auf einem kleinen Reisehocker, hatte ein Zeichenbrett vor sich auf den Knien und zeichnete intensiv, was er auf dem Gemälde vor sich an der Wand sah. „He, Sie da, junger Herr, wissen Sie eigentlich was Sie da zeichnen?“ Der junge, etwa 20jährige Zeichner fuhr erschrocken herum. Bevor er sich besinnen und etwas antworten konnte, sprach der alte Mann weiter und kam langsam schlurfend auf ihn zu: „Das hat unser Meister Stefan gemalt. Vor vielen Jahrzehnten. Ja, dieser Teufelskerl. Ich habe ihn noch gekannt, als er reich und Ratsherr der Malerzunft war. Hier in der Gerichtskammer haben wir uns manchmal besprochen. Sie müssen wissen, ich war hier damals Schöffe, noch bevor ich später Bürgermeister wurde. Als dann die Pest in Köln wütete hat es ihn auch erwischt.“ Der junge Mann hatte inzwischen aufgehört zu zeichnen und sich dem alten Mann ganz zugedreht. „Ich heiße Hans Burgkmair und komme aus Augsburg“, antwortete er in unüberhörbar bayerischem Dialekt. „Ist denn der Ruhm unseres Meisters Stefan schon so weit gedrungen?“ fragte der Alte. „Ja, gewiß“, antwortete der Junge, „unsere Meister sprechen von ihm genauso ehrfurchtsvoll wie von den Gebrüdern van Eyck. ... Aber erzählen‘s doch weiter von Meister Lochner.“ Das Gesicht des alten Mannes nahm einen kummervollen Ausdruck an. „Das war schlimm damals. Erst wurde seine Frau Lysbeth krank und er hat sie Tag und Nacht gepflegt. Dann erhielt Meister Stefan die Nachricht vom Tod seiner Eltern in Konstanz. Ich habe ihm noch geraten, daß der Rat einen Brief nach Konstanz schreiben solle, da er ja nicht direkt das Erbe antreten konnte. Im September 1451 hat man dann direkt neben Meister Lochners Haus einen Pestfriedhof angelegt. Ich weiß es noch genau, das war wie ein böses Omen für ihn. Weihnachten hat er dann nicht mehr erlebt. Mit der Tinte, mit der am Weihnachtsvorabend die neuen Ratsherren in die Stadtbücher eingetragen werden sollten, hat man dann seinen Namen wenige Tage zuvor in der alten Liste mit einem Kreuz gestrichen [kleines Bild]. So starb der berühmte Meister Stefan, schnell verscharrt, ohne Kinder und Erben. Bald kam dann auch Everhard von Egmont und hat die Häuser seines Schuldners übernommen. So ist nichts geblieben außer seinen Bildern. ... Zeichnen Sie ruhig weiter, das war ein guter Mann. ...“ Langsam drehte sich der Alte um, und begann dem Eindruck nach mühsamer als vorher, auf seinen Stock gestützt Richtung Tür zu gehen. „Hardefust, heiße ich, Heinrich Hardefust, vielleicht erinnern Sie sich später einmal an mich“. Auszug aus den bekannten urkundlichen Fakten: 16. August 1451, Schreiben des Rates von Köln nach Meersburg wegen der Erbangelegenheit Stefan Lochner. Urkunde vom 22. November1451: Anlegung eines Pestfriedhofes neben dem Haus von Stefan Lochner. Ratsliste von 1450 mit dem durchgestrichenen Namen Lochners Urkunde vom 7. Januar 1452, Einziehung der Häuser Lochners durch Everhard van Egmont

T. Nagel