"Vier Männer im Schnee und der harpunierte Finnwal"

Bild der 31. Woche - 29. Juli bis 5. August 2002

Hans Breuer, 1928 [recte: Anthon Kalland, 1899], Finnwal auf der Walfangstation, Neuer Abzug / Glasplattennegativ 13 x 18 cm, Museum Ludwig / Agfa-Fotohistorama, Nachlaß Hans Breuer

"Herrlicher und erhabener als die Sphinx!" Diesen Vergleich bemühte ein englischer Reisender zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Anblick eines Walkadavers auf einer Walfangstation. In der Tat: Wie der Exotismus die Grenzen zum Fremdartigen Überschritt, so ist auch das Faszinosum Wal ein Grenzgänger. Als lungenatmendes Säugetier - eine seit der Antike bekannte Tatsache - durchbricht dieser Wasserbewohner die einfachen Ordnungskategorien, vermittels derer wir Menschen unsere Umwelt zu strukturieren pflegen. Seine ganze Gestalt offenbarte er dem menschlichen Betrachter, vor Entwicklung der Unterwasserfotografie, erst nach weiterem komplexen Grenzgang, nämlich außerhalb des ihm angestammten Elements Wasser, an Land, und damit am Übergang von seinem Leben zum Tod, verortet in der amphibischen Zone des Ufers. Und: Der Wal verkörpert den psychologischen Archetypus des "Großen Fisches", analog zum "Großen Vogel" (Adler, Kondor), "Großen Weidetier" (Bison, Elefant) oder "Großen Raubtier" (Bär, Tiger), die allesamt in den menschlichen Kulturen, die ihr Habitat berühren, einen hohen mythologischen Stellenwert einnehmen und ihren Jägern großes Sozialprestige verleihen. Schließlich: Ihre hydrodynamische Form, geschmeidige Körperoberfläche und die ihrem Beuteverhalten evolutionär angepaßte Pigmentierung erfüllen anthropologisch konstante Kriterien von Harmonie und Schönheit. Ein amerikanischer Walkundler verglich das ästhetische "Design" des Finnwals mit dem des japanischen Schwertes. Beides unübertrefflich. Ein Finnwal wird auf unserem Foto die Aufschleppe einer Walfangstation heraufgezogen. Vier Männer im Schnee betrachten den gargantuesken Leichenzug. Daß ein "roter Teppich" sich erst nach dem Passieren des Zuges im Schnee entrollen wird, erspart das Schwarzweiß des Fotos dem Betrachter. Es wurde 1899 von dem Hammerfester Fotografen Anthon Kalland auf der Walfangstation Oksvåg im nordnorwegischen Oksefjord aufgenommen. Kalland belichtete mindestens elf Platten mit Aufnahmen von der Zerlegung dieses Wals. Er tat dies im Auftrag des Braunschweiger Präparators Hermann Friedrichs (1871-1918). Er und sein Kompagnon Zibell begründeten mit diesem Wal ein Schaustellerunternehmen, das bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts präparierte Wale europaweit auf Tournee hatte, zeitweilig bis zu drei gleichzeitig. Grenzgänger in der Tat. Kallands Fotos des harpunierten Finnwalkadavers entsprachen nicht nur dem Zeitgeschmack der wilhelminischen Ära und wurden als Postkarten und Albuminabzüge von betuchten Nordlandtouristen gekauft. Der Hamburger Fotograf und Weltreisende Hans Breuer (1869 - 1961) belichtete Jahrzehnte später eine seiner Platten mit einem Abzug des Kalland'schen Fotos, kratzte in seinem Negativ unten zwischen den Wasserspiegelungen der beiden Männer ganz außen den Urheberrechtsvermerk heraus, was im Abzug als unperspektivisches, seetangartiges Schraffengekröse erscheint, und verlegte dreist den Ort des Geschehens auf die Walfangstation Green Harbour in Spitzbergen und ins Jahr 1928. Eine Grenzüberschreitung urheberrechtlicher Art - in ihrer Zeit durchaus nicht unüblich - läßt sich ein dreiviertel Jahrhundert später nachweisen. Unser Bild der Woche im Agfa-Fotohistorama des Museums Ludwig wird in den naturentfremdeten Ballungsgebieten der westlichen Welt heute nicht mehr so gesehen wie in der Ära seines Entstehens. Hier ist der Walfang seit einem Vierteljahrhundert geächtet, und mit Jeanne-d'Arcischem Eifer wird ein Kulturkampf gegen die letzten Walfänger geführt. Davon unberührt, geht in diesen Tagen die diesjährige Walfangsaison in der Norwegensee zu Ende, während die Nordpazifiksaison der japanischen Walfangflotte beginnt. Kulturen, die sich dem globalen Verwischen kultureller Grenzen verweigern.

K. Barthelmess