Ein Sachse in Japan

Bild der 11. Woche - 11. bis 18. März 2002

Medaillon mit Öse Japan, späte Edo-Zeit, Ende 18.Jh. Kupfer-Gold-Legierung, Schwarzlack, Gold- und Silberstreudekor, Durchmesser 12 cm, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, E 129
Moritz von Sachsen, Kupferstich

Wiederholt haben wir an dieser Stelle Auszüge aus Texten von Frieda Fischer (1874-1945) vorgestellt, die mit ihrem Mann das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst gründete und als Direktorin leitete. Heute stellen wir in Auszügen einen Aufsatz aus dem Jahr 1938 vor, den Frieda Fischer über ein japanisches Medaillon schrieb, welches auf einer seiner beiden Seiten eine erstaunliche Darstellung besitzt. Zwei Bildnisse auf den beiden Seiten eines Medaillons, einer runden Metallplatte mit einer Metallöse zum Aufhängen. Auf der einen Seite das Porträt Moritz von Sachsens, wie die Umschrift besagt, in japanischer Goldlackmalerei auf schwarzbraunem Lackgrund. Auf der anderen Seite das Bildnis einer japanischen Schönen, auf ebensolchem Grund in feinster Flach- und Relieflackmalerei, das Gewand und der Haarschmuck in Gold in den verschiedensten Tönungen, in Braun und Rot, das Haar in Schwarz-, Gesicht, Hals und Hand in Silberlack. Durchmesser 12 cm. Moritz von Sachsen, der natürliche Sohn des Kurfürsten Augusts des Starken und der schönen und geistreichen Gräfin Aurora von Königsmark, jener Geliebten Augusts, die sich ihm in seinem Lustschloß Moritzburg ergab und ihm in aller Stille in Goslar diesen Sohn gebar. [....] Moritz von Sachsen und eine japanische Schöne! Wie reimt sich das? Sicher ist, daß Moritz von Sachsen Japan nie betreten, und auch, daß zu jener Zeit eine Japanerin in Europa nicht geweilt hat. Denn jedem Japaner war es damals bei Todesstrafe verboten, sein Land zu verlassen. Holland war zu jener Zeit das einzige Land, das zu Japan Beziehungen hatte, nur Holländern war es erlaubt, auf japanischem Boden zu leben und dort Handel zu treiben. Wer gab den Auftrag zur Anfertigung unserer Bildnisse? War es ein Holländer, der den politischen und militärischen Gegner, dessen galante Liebesabenteuer bekannt waren, verhöhnen wollte? War es ein mokanter Franzose, der damit sagen wollte, daß das Liebesverlangen dieses Genüßlings - soll er doch sogar der Liebhaber der Pompadour gewesen sein - bis nach Japan strebte? Oder endlich, war es ein Höfling aus dem Kreise Augusts des Starken, dessen Vorliebe für Chinoiserien und Japonnerien sich in den noch heute erhaltenen Sammlungen in Dresden kundgibt? Wer wohl hat dem berühmten Marschall diese japanische Priesterin der Liebe zugesellt? Denn sie ist eine solche. Ihre Kleidung, der vorn zusammengeschlungene Gürtel und die großen Pfeile im Haar, zeigen es. Eine Schöne, gemalt im Stil der japanischen volkstümlichen Schule, der Ukiyoye, die ihre Wirkung in Eleganz und Klarheit der Linie findet, einer Linie, die modelliert, ohne der Schatten zu bedürfen. Die Wiedergabe des Bildnisses Moritz von Sachsens aber ist nicht die Erfindung eines japanischen Kopfes. Der japanische Pinsel kennt nicht die Art der Schraffierung, der parallellaufenden oder sich kreuzenden Linien, die hier schnell in die Augen fallen. Das ist die Art des europäischen Kupferstiches. Daß europäische Kupferstiche nach Japan gelangt waren und auch japanischen Lackkünstlern als Vorlage gedient hatten, wissen wir. [....] Im Kupferstichkabinett zu Dresden fand ich die Vorlage zu unserem Bildnis [s. kleines Bild]. Dieses Blatt muß es gewesen sein, das dem japanischen Lackkünstler vorgelegen hat, ein Kupferstich nach einem Gemälde des Malers Hyacinthe Rigaud (gest. 1743), des beliebtesten Porträtmalers an den Höfen Ludwigs des Vierzehnten und Fünfzehnten, der die markanten Persönlichkeiten des damaligen Paris in ihrer graziösen Eleganz, mit ihrem Pomp in Bildern festhielt. Die Form unserer Miniatur, das aufzuhängende Medaillon, war dem japanischen Lackmaler fremd. Diese Form wird man ihm vorgeschrieben haben. Wie der französische Kupferstecher, so hat er das Bild Moritz von Sachsens, nicht das der Schönen, in ein Oval gesetzt. Die lateinischen Buchstaben der französischen Umschrift des Kupferstichs hat der Auftraggeber gekürzt und nur den Namen verlangt, den der Japaner wohl sah, aber nicht verstand, denn er zieht die drei Wörter "Maurice de Saxe" in eines zusammen. Perücke, Haarschopf und -schleife, Halskrause, Harnisch und Pelz, das sind dem Japaner unbekannte Dinge! Es wird ihm schwer, sie richtig wiederzugeben. Und gar die großen, ihm fremdartigen runden Augen und die aus dem Gesicht hervorspringende, schattenwerfende Nase, die glaubt er besonders betonen zu müssen. Den Ordensstern aber, den der umgeschlagene Pelzüberwurf zur Hälfte verdeckt, weiß der Japaner nicht zu deuten, und er läßt ihn weg. Daß der Besteller das Medaillon von dem Künstler nicht einforderte, war unser Glück. Daß wir es in Japan fanden und heimführen durften, unsere Freude. Im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln hat es seine bleibende Stätte gefunden. Heutiger Forschungsstand ist, dass es sich bei dieser Art von Medaillons um Wandplaketten handelt, die als Firmengeschenke verwendet wurden. Die von Frieda Fischer ausgesprochene Vermutung, das Medaillon könnte als eine Verhöhnung oder als Satire auf die dargestellte historische Persönlichkeit gedacht gewesen sein, trifft also nicht zu. Als Vorlage dienten Kupferstiche aus einem französischen Buch mit Porträtbildern von historischen oder zeitgenössischen Persönlichkeiten. Unser japanisches Medaillon stammt aus der späten Edo-Zeit (Ende 18. Jhr.). Die von Frieda Fischer bereits angesprochenen Unklarheiten in der Darstellung des Kurfürsten zeigen, daß die Vorlage von einem Nichteuropäer übertragen wurde. Das Bildnis der Kurtisane geht vermutlich auf einen japanischen Farbholzschnitt von Katsukawa Shunshô (tätig 1781 - 1801) zurück. Das Medaillon ist anläßlich der Sonderausstellung "Leuchtend wie Kristall. Lackkunst aus Ostasien und Europa" neben anderen Medaillons, welche ebenfalls Portraits europäischer Berühmtheiten zeigen, bis zum 20. Mai 2002 im Museum für Ostasiatische Kunst zu sehen.

B. CleverT. Nagel