Im Gedränge

Bild der 15. Woche - 9. bis 16. April 2001

Meister der Heiligen Veronika, Kleiner Kalvarienberg um 1400, Eichenholz, 50,7 x 37,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 11

Die Karwoche, in der dieses Bild der Woche publiziert wird, ist im christlichen Kulturkreis dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu Christi gewidmet. Passend hierzu zeigen wir Ihnen die "Kreuzigung mit Gedräng" des Meisters der Heiligen Veronika. Das Wort "Gedräng" steht im Titel dieses kleinen Täfelchens aus der Zeit um 1400, weil es sich hier um eines der frühesten Beispiele der volkreichen Kreuzigungsdarstellung handelt. Statt der oft in der mittelalterlichen Malerei zu findenden Beschränkung der Darstellung auf die wichtigsten Personen unter dem Kreuz wird hier mit 38 Personen die Kreuzigung geradezu filmhaft in Szene gesetzt. Auch wenn Christus am Kreuz das Hauptthema dieses Bildes und dieser vorösterlichen Woche ist, so soll hier jedoch ein Blick auf die einzelnen Personen im Gedräng gerichtet werden. Drei Marien In der linken unteren Bildecke steht in Gewänder gekleidet, die dem für diese Zeit typischen Farbklang rot, gelb, grün und blau zeigen, eine Gruppe von fünf einander zugewandten Personen. Die ikonographische Standarderklärung zu dieser Gruppe lautet: Dies sind Maria, der Evangelist Johannes sowie die Drei Marien. Drei oder vier Marien? Welche Figur ist nun welche Personen? Zunächst zeigt der Maler im blauen, zeitlosen Gewand Maria, die Mutter Jesu zu ihrer Linken gestützt vom Evangelisten Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu. Den Evangelien nach (Mt 27,56; Mk 15,40; Joh 19,25) gehören zu den Angehörigen Jesu drei weitere Marien: Maria aus Magdalena sowie Maria, die Frau des Kleophas, und Maria, die Frau des Salomas. Während Maria aus Magdalena bzw. Maria Magdalena in den Evangelien als Schwester des Lazarus und der Martha bzw. als bekehrte Sünderin geschildert wird, geben für die beiden anderen Marien nur außerbiblische Legende nähere Auskünfte über die Familienverhältnisse: man sah in ihnen Halbschwestern der Mutter Jesu. So wenden sie sich auch besonders Maria, der Mutter Jesu, zu. Maria Magdalena dagegen wendet sich ab. Sie trägt das rote Gewand. Der Gestus des Weinens und ihr Blick auf den Betrachter bringen ihre besondere Liebe zu Christus zum Ausdruck und fordern zur Nachahmung auf. Genau diese Drei Marien sind es dann, denen am Ostermorgen als erste durch den Engel die Auferstehung Christi kundgetan wird. Longinus Eine besondere, wenn auch wenig ruhmreiche Rolle spielt bei der Kreuzigung ein Mann namens Longinus. Das Täfelchen zeigt ihn links vom Kreuz, auf dem roten Pferd sitzend, mit der Lanze in der Hand. Longinus ist derjenige der römischen Soldaten, der Jesu die Lanze in die Seite stieß. Er tat dies deshalb, um zu überprüfen, ob Jesus schon tot war oder nicht. Da beim Stich ins Herz Blut und Wasser herausflossen - Blutkörperchen und Blutserum hatten sich getrennt - war Jesus bereits tot (Joh 19,34). Für uns heute verblüffend ist, dass Longinus beim Lanzenstich Hilfe von zwei weiteren Soldaten erhält. Dem mittelalterlichen Betrachter war jedoch aus der Kenntnis der frommen Legende klar, dass Longinus Hilfe benötigte, denn er war blind. Erst das auf seine Augen spritzende Blut Christi macht ihn wieder sehend. Stephaton in der zentralen Verlängerung des Kreuzbalken nach unten steht ohne Begleitpersonen ein Mann mit einem Schwamm auf einem Stab sowie mit einem goldenen Eimer. Sein Blick geht zum Gekreuzigten empor. In der außerbiblischen christlichen Tradition trägt dieser Mann den Namen Stephaton. Nach den Evangelisten (Mk 15,36 par) reagierte er auf den Ruf Jesu: "Mich dürstet" (Joh 19,28) und reicht diesem einen mit Essig getränkten Schwamm. Auch wenn dies wie eine Verspottung wirkt, so war es als Hilfe gedacht. Essigwasser war das Erfrischungsgetränk der römischen Soldaten. Ist der Eimer deshalb aus Gold und stellte der Maler Stephaton deshalb zentral unter das Kreuz? Der Gute Hauptmann Rechts vom Kreuz ist eine Gruppe von drei Reitern zu sehen, deren mittlerer ein Spruchband in die Luft zu werfen scheint. Auch wenn die Inschrift nur schwer zu entziffern ist, ikonographisch ist klar, was dort in lateinischer Schrift zu lesen war: "Vere filius dei erat iste" - Wahrlich, dieser war Gottes Sohn. Die Evangelisten (Mt 27,54; Mk 15,39; Lk 23,47) schildern, dass der wachhabende und die Exekution leitende Hauptmann diesen Satz ausrief, als er das Erdbeben und die Finsternis beim Tode Jesu sah. Ab und zu wird auch diesem Teilnehmer der Szene in den Legenden der Name Longinus gegeben. Die Würfelspieler In einem anderen Bild der Woche (13/1999) wurde bereits die Gruppe der würfelnden Soldaten erläutert. An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass mit diesem fünften Thema die Komposition des Gedränges erschlossen wird: Der Maler hat in der Menschenmenge unter dem Kreuz vier aussagekräftige Gruppen um die Einzelfigur des Stephaton angeordnet. Sie bilden einen Kreis um das Kreuz, ergänzt durch diskutierende Z

T. Nagel