Feuer in der Nacht

Bild der 2. Woche - 8. bis 15. Januar 2001

Andô Hiroshige (1797-1858), Fuchsfeuer in der Sylvesternacht am Ôji Inari-Schrein, 1857, Blatt 118 der Folge 'Hundert berühmte Ansichten von Edo', Vielfarbendruck, 39,5 cm x 24,5 cm Aus der Sammlung Otto Riese im Museum für Ostasiatische Kunst Köln

Es ist eine sternklare Nacht. Strohbündel zeigen die Nähe von Menschen in ländlicher Umgebung an. Im Hintergrund liegen strohgedeckte Häuser im Dunkeln. Von überall her tauchen kleine Flämmchen aus der Dunkelheit auf. Irrlichtern gleich flackern sie in der baumlosen Ebene hin und her. Die Flämmchen werden von grazilen, hellen Füchsen in der spitzen Schnauze wie kleine Fackeln vorweg getragen. Es ist eine lautlose Versammlung, die da unter einem knorrigen, alten Baum ohne Laub zusammenhuscht. Es ist nicht irgendeine Nacht. Es ist die Nacht des Jahreswechsels. Für die Füchse soll diese Nacht eine besondere Bedeutung haben. In der japanischen Vorstellung ist die Gestalt des Fuchses sehr vielschichtig. Der Glaube an seine magischen Kräfte war im 10. Jahrhundert aus China übernommen worden. Er gilt als ein außergewöhnlicher Verwandlungskünstler. So soll er von einem Menschen Besitz ergreifen und sich in eine schöne Frau oder einen Priester verwandeln können. Wie im Westen, so wird auch im Osten dem Fuchs unterstellt, dass er mit seiner Schläue Leute narrt. So findet das englische Wort "foxfire" sein Gegenstück im Japanischen. Das Wort erklärt mysteriöse Lichterscheinungen in der Nacht mit dem Fuchs, der Reisende auf diese Weise in die Irre führt. Andererseits wird der Fuchs nicht durchweg negativ gesehen. Er gilt von alters her in Japan als Bote des am meisten verbreiteten Gottes der reichen Ernte, Inari. Dieses Bildmotiv ist das einzige Stück der Holzschnitt-Serie, in dem der japanische Künstler Hiroshige die Realität verlässt und einen Hauch Mystik in seine Darstellung einbringt. Er greift eine weitverbreitete Legende auf, nach der sich am Neujahrsabend alle Füchse der acht Bezirke Edôs, dem heutigen Tokyo, an einem bestimmten Nesselbaum nahe dem Inari-Schrein in Ôji, dem Hauptquartier des Inari-Kults der Region, versammeln. An dem Baum ziehen sie sich feierlich an, um am Schrein ihre Aufwartung machen zu können. Dort erhalten sie dann von Inari, dem Getreidegott, die Anweisungen für das kommende Jahr. Bauern, die die Füchse auf dem Weg dorthin beobachten, können anhand der Flamme, die die Füchse dabei hauchen, und der Anzahl der Füchse ersehen, wie die Reisernte im kommenden Jahr ausfallen wird. Im April 1945 kamen die feindlichen Bomber mit ihrem Bombardement nur bis zu dem provisorischen Schrein, in dem die Überreste des legendären, um die Jahrhundertwende abgestorbenen Versammlungsbaumes der Füchse aufbewahrt wurden. An dieser Stelle wurde nach dem Krieg von den dankbaren Bewohnern erneut ein Schrein für Inari errichtet und ein neuer Nesselbaum gepflanzt. Welche Anweisungen werden die Füchse wohl am Sonntag, den 31.12.2000, für das erste Jahr des neuen Jahrtausends bekommen haben? Wird Inari uns eine reiche Ernte bringen?

B. Clever