500 Jahre Gegenwart

Bild der 1. Woche - 1. bis 8. Januar 2001

Meister des Bartholomäusaltars, Mitteltafel des Kreuzaltares, 1500/1501, Eichenholz, Mitte 107 x 80 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 180

Dieses ist das erste Bild der Woche im neuen 3. Jahrtausend, "ins Netz eingestellt" - wie es so schön heißt - am Montag, dem 01.01.2001. Es stellt sich damit deutlicher als bei den 197 vorhergehenden Bildern der Woche die Frage, welches Thema für diese Rubrik der Internetseiten der Kölner Museen am heutigen Tage angemessen ist. Es bietet sich an, Gedanken über das Thema 'Zeit' anzubieten, etwa über das Verhältnis von menschlicher Lebenszeit zu den 1000 Jahren eines Jahrtausends. Es bietet sich auch ein metaphysisches Thema an: Kultur hat immer auch eine untrennbare Verbindung zum Kult. Ein möglicher Textgegenstand wäre also die Gottesfrage angesichts der maßstabsprengenden Größe des Phänomens 'Zeit'. Wenden wir uns beiden Themen zu. Vermutlich in der ersten Jahreshälfte des Jahres 1501 schrieb ein Mönch im Kölner Karthäuserkloster St. Barbara in die Chronik des Klosters: "Anno domini 1501, 8. februarii naturae debitum solvit clariss. d. Petrus Rinck, i. u. d., quondam nostrae domus novitius, sed ... Am 8. Februar im Jahre des Herrn 1501 starb der angesehene Herr Petrus Rinck, Doktor beider Rechte, ehemals Novize dieses Hauses, ... von dem wir ...erhalten haben ... ein Gemälde für den Kreuzaltar am Lettner ..." Das Altarbild, von dem hier die Rede ist, wurde - wie aus weiteren Urkunden deutlich wird - vor fast auf den Tag genau 500 Jahren, also vor einem halben Jahrtausend, von dem Kölner Gelehrten Petrus Rinck bei einem der besten Kölner Maler in Auftrag gegeben, wenige Wochen bevor Rinck im Alter von ca. 72 Jahren starb. Während beide, Maler und Auftraggeber bereits Jahrhunderte tot sind, steht dieses Zeugnis des handwerklichen und künstlerischen Könnens sowie dieses Zeugnis von Reichtum und Frömmigkeit vor uns. Der Altar stellt eine reale, gegenständliche Verbindung zu dieser 500 Jahre zurückliegenden Zeit her. Der Augenblick des Auftrages wie auch des Sterbens des Petrus Rinck werden für uns in diesem Gemälde wieder gegenwärtig. Ehrfürchtig stehen wir vor diesem Alter und lassen unsere Phantasie von der Lebensgeschichte des Stifters und des Malers anregen. Was mag Petrus Rinck wohl gesagt haben, als er zum ersten Mal das Atelier des Meisters betrat, in dem dieser an dem Altar arbeitete? Ein Jahr zuvor hatte Rinck hier bereits einen Altar malen lassen, den man als kostbar und teuer, jedoch wegen seines starken Realismus auch als 'wenig geschätzt' bezeichnete. Was war ihm durch den Kopf gegangen, als schließlich dieser neue Altar von den Gesellen des Meisters in die Klosterkirche getragen wurde? In ähnlicher Weise wie wir heute hatte damals Petrus Rinck vor dem vollendeten Altar gestanden. Die Darstellung der Kreuzigung Christi war für ihn auch eine Vergegenwärtigung eines längst vergangenen Geschehens. Die Darstellung der beteiligten Menschen und ihrer Emotionen hatte auch seine Phantasie angeregt: Die Trauer der Mutter Jesu, links neben dem Kreuz; ihre stillen, deutlich sichtbaren Tränen; der fassungslose Blick der Maria Magdalena am Fuße des Kreuzes; die verzweifelte Geste des Apostels Johannes rechts neben dem Kreuz. Auch wenn hier neben dem Geschehen der Kreuzigung hauptsächlich Theologie, Glaubensaussagen gemalt wurden, so schuf der unbekannte Maler, der von uns heute Meister des Bartholomäusaltars genannt wird, das Bild in einer drastischen, realistischen, die Wirklichkeit fordernden Malweise. Während für unser Empfinden die physische Gegenwart der 500 Jahre alten Altartafel die vergangene Zeit in die Gegenwart verbindet, so legte damals die Darstellung der Kreuzigung Christi auf diesem Altar Zeugnis ab für die präsente Wirkmächtigkeit dieses im Glauben angenommenen Geschehens. Die Absicht des Stifters, mit diesem Altar den Glauben an das Erlösungswerk Christi zu vergegenwärtigen, wirkt noch bis in unsere Gegenwart. Für den Glaubenden unserer Zeit muss dieses Altarbild nicht nur ein 500 Jahre altes Museumsobjekt sein.

T. Nagel