Die Heldentat des Herman Grin

Bild der 45. Woche - 6. bis 13. November 2000

Die Pfaffenpforte, Köln um 1582(?), Öl auf Leinwand, 196 x 224 cm, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 1983/683
Herman Grin kämpft mit dem Löwen, Steinrelief von 1573, Köln, Eingang des Rathauses, Renaissancelaube

Kölner Bürger spielten für die Kunst der Stadt eine vielschichtige Rolle. So gab es unter ihnen besondere Förder der Kunst, es gab selbstlose Sammler, herausragende Auftraggeber, erstklassige Forscher, romantisch bewegte Kunstkenner und nicht zuletzt in Köln geborene Künstler. In dieser Folge der kleinen Serie soll jedoch ein Mann vorgestellt werden, der auf eine bisher nicht genannte Weise die Kunst Kölns beeinflusste. Führen wir ihn mit der Schilderung einer dramatischen Situation ein: Der Stoß traf Herman vollständig unerwartet. In dem Moment, in dem er die Schwelle des Saales überschritten hatte, spürte er die ganze Kraft der beiden Kleriker in seinem Rücken. Heftig flog er zu Boden stürzend in den Saal. Während hinter ihm dir Tür zuschlug, hörte er schon das Brüllen des Tieres. Der riesenhafte, ausgehungerte Löwe war nur kurz dieser überraschenden Situation ausgewichen und setzte nun zum Sprung an. Geistesgegenwärtig rollte sich Herman zur Seite, sprang auf die Beine und versuchte Abstand zu gewinnen. Das Tier wendete und drohte mit heftigem, fauchendem Gebrüll in seine Richtung. Herman zog mit der Rechten seinen Degen und griff mit der Linken nach seinem am Boden liegenden Umhang. Während das Tier ihn fixierte wich er langsam zurück. Im nächsten Augenblick sah er den Löwen auf sich zuspringen. Den Umhang zum Schutz vor dem Löwenmaul hochreißend stieß er im Rückwärtsfallen zu. Er traf und rettete so sein Leben. So etwa kann sich zugetragen haben, was seit dem Ende des 14. Jahrhunderts als die Legende vom Löwenkampf des Kölner Bürgermeisters Herman Grin schriftlich überliefert wurde: Zwei Geistliche hielten im Auftrag Erzbischofs Engelbert II. von Falkenburg (1261-1274) einen Löwen, mittels dessen sie den Kölner Bürgermeister Herman Grin beseitigen sollten. Wie geschildert geht der Plan schief. Hermann läßt daraufhin die Kleriker gefangennehmen und an einem Balken der Pfaffenpforte erhängen, wodurch diese Pforte zugleich ihren Namen erhielt. Unser Bild aus dem Besitz des Kölnischen Stadtmuseums zeigt diese Szene und erinnert im Ausschnitt oben links an die Heldentat des Bürgermeisters. Die Szene vom Löwenkampf selbst, wohl als Symbol für den andauernden Kampf zwischen Stadt und Erzbischof zu deuten, der zur Zeit Engelberts seinen Höhepunkt erreichte - Engelbert hat den Löwen ebenso im Wappen wie die Familie Grin - die Szene vom Löwenkampf selbst also nimmt in der profanen Ikonographie Kölns eine alles andere überragende Rolle ein. Die prominenteste Darstellung ist wohl das Relief über dem Haupteingang zum Rathaus (s. kleines Bild) von 1573, flankiert von den biblischen 'Löwenbändigern' Samson und Daniel. Herman Grin, die Symbolfigur des Behauptungswillens der Stadt gegenüber dem Erzbischof, war an vielen weiteren Stellen städtischer Verwaltung im Bild präsent. So zeigte bereits das gotische Rathausportal diese Szene im Relief. Die Gerechtigkeitsbilder des Rathauses schilderten diese Episode. Am Rathausturm gab es ein Relief vom Anfang des 15. Jahrhunderts. 1594 wird ein Relief für den Löwenhof des Rathauses gestiftet. Im 16. Jahrhundert wird Herman Grin gelegentlich zur symbolischen Figuration der Schlacht von Worringen des Jahres 1288, in welcher die Stadt die Truppen des Erzbischofs Siegfried von Westerburg schlugen und damit der Herrschaft des Bischofs über Köln ein Ende setzten. Ohne die Tat des Herman Grin schmälern zu wollen - ein Quellenhinweis: Nachweislich gab es in Köln eine römische Skulptur mit der Darstellung des Kampfes zwischen Herkules und dem Löwen. Zudem waren an der Pfaffenpforte zwei römische Löwenköpfe eingemauert. Andererseits ist auch das Motiv der mantelumhüllten Hand zur Abwehr des Löwen von der griechischen Archaik bis ins hohe Mittelalter nachweisbar. Wenn man nun noch die Überlieferung hinzunimmt, dass die Familie Grin zu den legendären fünfzehn römischen Familien aus senatorischem Adel gehörte, die Kaiser Trajan in Köln angesiedelt haben soll, dann stellt sich die Frage: Beflügelte mit dem Kölner Bürgermeister Grin die kölsche Version einer römischen Sage die Kunst der Stadt?

T. Nagel