Ein Kind ist uns geboren ...

Bild der 52. Woche - 18. bis 25. Dezember 2000

Christuswiege Köln, um 1340/50, Eichenholz, Wiege ohne Gestell: Breite 20 cm, Tiefe 13 cm, Höhe 22 cm, Köln, Schnütgen -Museum, A779

Das Singen von Weihnachtsliedern an der Krippe, Weihnachtsstimmung bei Kerzenschein ist keine Erfindung unserer Zeit, sie ist auch kein Bedürfnis ausschließlich unserer Epoche. Der erste, welcher der Überlieferung nach eine Krippe aufstellte, um das Geschehen in Bethlehem augenfällig nachvollziehbar zu machen, war der Heilige Franz von Assisi im Jahre 1223. Diese Weise, das Weihnachtsfest zu begehen, passte in eine Zeit, in der das gefühlsbetonte Nachempfinden des Lebens und Sterbens Christi eine wichtige Rolle spielte. Das 13. und 14. Jahrhundert war geprägt von der mystischen Betrachtung der Glaubensgeheimnisse. Eine besondere Blüte erreichten hier der franziskanische Orden sowie die Dominikaner, und hierbei wiederum die Frauenzweige der Gemeinschaften, die Dominikanerinnen, die Franziskanerinnen, die Clarissinnen und der sogenannte Dritte Orden der Franziskanerinnen. Diese kleine, hier vorgestellt Krippe stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Kölner Frauenkloster. Es ist mit einer Entstehungszeit um die Mitte des 14. Jahrhunderts das vermutlich älteste erhaltene Exemplar seiner Art: Eine kleine Weihnachtskrippe mit beweglichem Körbchen. Schnell haben wir das Bild einer Puppe vor Augen, die in dieser kleinen Krippe gelegen haben wird, nackt, bis auf wenige Windeln, auf Stroh gebettet. Ein kleiner Schubs - und die Krippe schaukelte hin und her. - In der Tat, dieses kleine Möbel scheint für eine so direkte Vergegenwärtigung des Geschehens in der Weihnachtsnacht geeignet gewesen zu sein. Und schriftliche Zeugnisse von Ordensfrauen des 14. Jahrhunderts bestätigen dies. Neben diesem mystisch-spielerischen Moment besitzt die Krippe auch eine theologische Dimension: Die Stirnseiten des Körbchens zeigen die Anbetung der Heiligen Drei Könige und den Kreuzestod Christi. Die Seitenwangen des Körbchens tragen im Wechsel männliche und weibliche Köpfe. Man hat diese als die Darstellung des Stammbaumes Jesu gedeutet. Es kann sich jedoch ebenso um reinen Schmuck handeln oder um die Aufnahme eines Motives, welches in Köln durch die sehr zahlreichen Reliquienbüsten der Heiligen Ursula allgegenwärtig war. Die zum Bestand des Kölner Schnütgen-Museums gehörende Krippe besteht aus einer Holzkonstruktion, welche anschließend seine Verzierungen erhielt, modelliert aus einem Gemisch aus Leim und Kreide. Während der innere Teil original ist, wurde das Gestell später erneuert. Die Beweglichkeit des Krippekörbchens war jedoch von Anfang an gegeben, wenn auch die Löcher an den unteren Enden der Eckfialen auch auf eine andere Funktionsweise hinweisen könnten. Innen ist die Krippe mit Pergament ausgelegt. Wie oft wird diese 650 Jahre alte Krippe am Weihnachtsabend aufgestellt und angestoßen worden sein?

T. Nagel