Eine verborgene Berühmtheit

Bild der 43. Woche - 23. bis 30. Oktober 2000

Tilmann Riemenschneider Die Heilige Barbara, Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert Lindenholz, Höhe 95 cm, Köln, Schnütgen-Museum
 

Praktisch seitdem diese Figur ihren Weg nach Köln fand, war sie im Depot des Museums nur dem Museumspersonal und den Forschern zugängig. Obwohl der erste Direktor des Museums, Fritz Witte, bereits einen Verdacht hatte, blieb die wahre Bedeutung dieser kleinen Holzskulptur aus Lindenholz bis vor kurzem unbeachtet. Der Kölner Domkapitular Alexander Schnütgen kaufte sie in Würzburg bei einem Kunsthändler und schenkte sie, als er seine Sammlung 1912 Köln vermachte, mit dieser der Stadt. Die Skulptur ist also heute im Schnütgen-Museum zu sehen. Dessen Gründungsdirektor ordnete die ca. 95 cm hohe und mit 10 cm relativ flach ausgearbeitete Figur vorsichtig dem Umkreis eines der bedeutendsten Bildhauer der Spätgotik zu, Tilman Riemenschneider (1455/60 - 1531). Durch den 2. Weltkrieg zur Sicherung in eine Kiste gepackt, verschwand dieses Werk dann bald nach der Schenkung aus dem Blick der Öffentlichkeit. Aber auch die Forscher verloren das Werk aus den Augen. Keine der grundlegenden Publikationen über Tilmann Riemenschneider ordnete das Werk dem Meister zu noch wurde es dort irgendwo erwähnt. Nach intensiven Vergleichen mit Werken, die dem Meister zugeschrieben werden, sind nun die Forscher des Schnütgen-Museums zu dem Schluss gekommen, dass diese Figur nicht mehr nur dem Umkreis des Meisters zugeordnet werden kann, sondern direkt aus seiner Werkstatt stammt. Ihr Gesicht, die feinen mandelförmigen Augen, deren unteres Augenlid durch eine Einkerbung abgesetzt ist, die schmale Nase, die direkt in die scharfkantigen Augenbrauen übergeht, deren Mund und das Grübchen am Kinn stehen stilistisch in direkter Nachbarschaft zu Riemenschneiders herausragenden Madonnen- und Heiligenbildern. Illustrieren kann dies ein Vergleich mit der Riemenschneiderschen Skulptur der Heiligen Barbara im Bayerischen Nationalmuseum zu München (kleines Bild). Unsere Figur ist ebenfalls die Darstellung der heiligen Barbara. In der mittelalterlichen Ikonographie wurde sie sowohl mit einem dreifenstrigen Turm als auch mit einem Kelch dargestellt. Während der Turm auf ihr Glaubensbekenntnis an die Dreifaltigkeit verweist, deutet der Kelch auf die Rolle der Heiligen Barbara als Fürsprecherin der Sterbenden hin. Der Kelch spielt dabei auf eines der Sterbesakramente an, auf den Empfang der Hostie, des Leibes Christi, als 'Wegzehrung' des Sterbenden. Christus vor dem Tod empfangen zu haben, ist der Inbegriff des christlichen Sterbens und Hoffnung aller Christen. Mit der Zuordnung dieser Figur an Tilmann Riemenschneider sowie mit deren Wiederaufstellung im Schnütgen-Museum haben die Kölner Museen neben den bereits vorhandenen bzw. entdeckten Werken berühmter Meister aus allen Jahrhunderten nun eine weitere bedeutende Attraktion hinzugewonnen. Mit der Marienfigur im Museum für Angewandte Kunst gibt es nun zwei Werke dieses berühmten Bildhauers des 15. und 16. Jahrhunderts in Köln zu sehen.

T. Nagel