Fliehende Bewegungslosigkeit

Bild der 50. Woche - 11. bis 18. Dezember 2000

Renée Sintenis, Daphne, 1930, Bronze, Höhe 141 cm, Köln, Museum Ludwig, ML / SK 82
Lorenzo Bernini, Apoll und Daphne, 1625, Rom, Museum Borghese

Eine junge Frau hat die Arme in die Höhe gereckt. Ihr sehr schlanker, gerader Körper ist steil aufgerichtet, dem Himmel zugewandt, der Kopf ist etwas zur Seite geneigt. Auffällig sind die Hände, die in Relation zum mädchenhaften Körperbau, recht kräftig und groß gestaltet sind. Die leicht angewinkelten Beine scheinen federnd zusammen zu stehen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, eine Ausdrucks-Tänzerin verharre in ihrer Bewegung. Doch was ist das? Da wachsen zarte Ästchen aus den Haaren, und auch an den Beinen sind kleine Blätter sichtbar. Die Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965) stellt hier die Verwandlung, die Metamorphose, der Daphne dar. Der Mythos, auf den sich die Künstlerin bezieht, wird vor allem beim römischen Dichter Ovid überliefert: Daphne, eine junge Frau, wollte jungfräulich leben und es der jungfräulichen Jagdgöttin Diana gleichtun. Da erblickte sie der Gott Apoll, der sich sogleich in die Schöne verliebte. Er stellt ihr nach, doch sie entflieht. Apoll ruft ihr zu: "Laufe langsamer, hemme deine Flucht! Ich selbst will dir langsamer folgen!" Doch Daphne ahnt, dass den Schmeichelworten des Gottes nicht zu trauen ist. Schließlich bittet sie, der die Kräfte schwinden, ihren Vater, den Flußgott Peneios, durch eine Verwandlung die Schönheit von ihr zu nehmen, durch die sie zu sehr gefiel. Peneios entspricht dem Wunsche und verwandelt seine Tochter in einen Lorbeerbaum, griechisch Daphne. Eine neue Pflanze war entstanden, die Apoll nun zu seinem heiligen Baum machte. Seit der Antike gibt es eine Tradition, Daphne darzustellen. Ursprünglich gab es dabei zwei verschiedene Typen. Beim ersteren wuchsen die Zweige, die Äste des Lorbeers, vom Boden aus empor. Es bildet sich eine Art Busch. Dieser Typ geht bis zum Barock jedoch verloren. Beim anderen Typ beginnt die Verwandlung an den Händen. Lorenzo Bernini gab diesem in seiner 1625 entstandenen Apoll und Daphne Gruppe (Rom, Gall. Borghese, kleines Bild) eine Form, die in den folgenden Jahrhunderten die Künstler beeinflussen sollte. Nach Bernini ist es für Bildhauer fast unmöglich geworden noch wirklich originäre Daphne-Bildwerke zu schaffen. Sintenis gelingt dies kongenial zur Dichtung des Ovid. Wie ein Baum streckt sich Daphne zum Himmel, zum Licht empor. Da aber Apoll der Gott der Sonne und des Lichts ist, muss Daphne gerade diesem entgegenwachsen! Mitten in dem Schwunge des Fliehens angewurzelt stehenbleiben-zu-müssen, diesen Gegensatz vermittelt Sintenis dem Betrachter. Dem scheinbar spontanen, aufgerichteten Strecken der jungen Frau antwortet die feste Erdgebundenheit des zukünftigen Baumes. Die letzten heftigen Bewegungen in Daphnes Flucht federn in ihren angewinkelten Beinen noch nach wie eine Erinnerung an vergangene Jugend und Lebensfreude.

Th. Blisniewski