Zu Besuch bei Konfuzius in Qufu

Bild der 46. Woche - 13. bis 20. November 2000

Portrait des Konfuzius, Wu Daozi (8. Jh.), Steinabreibung, Anfang 20. Jh., Köln, Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. S 95,103
 

Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln besitzt in Form einer Steinabreibung (s. hierzu BdW 39/2000) ein Portrait des Konfuzius, das im 8. Jahrhundert von Wu Daozi geschaffen wurde. Es stammt aus der dem Museum zugrunde liegenden Sammlung des Ehepaars Fischer. Die Ehefrau des Sammlers, Frieda Fischer, schildert in ihrem chinesischen Reisetagebuch den Besuch im Konfuziustempel von Qufu, bei welchem die Reisenden das Original dieses Porträts sahen und die abgebildete Steinabreibung erwarben. Qufu, 05. Oktober 1906 ….. Durch den Trommelturm gelangten wir in die von großen Mauern umfriedete Konfuziusstadt, die sowohl die Wohnstätten der Sippe als auch die Residenz des Herzogs Konfuzius, der neben dem Kaiser angesehensten Persönlichkeit Chinas, enthält, als auch den ausgedehnten Tempelbezirk, der dem Konfuzius geweiht ist. Dieser Tempelbezirk ist das Heiligtum aller Chinesen, besonders der Gelehrten, und wohl die schönste Anlage dieser Art in China. In erhabener Einfachheit stehen die mächtigen Hallen auf Marmorunterbauten mit breiten Aufgangstreppen und Balustraden aus weißem Marmor. Reich skulptierte Marmorsäulen mit gigantischen Drachenreliefs tragen das imposante Doppeldach des Haupttempels, in dem die Ahnentafeln des Konfuzius und seiner Schüler aufgestellt sind und große bronzene Opfergefäße. Unter einem reichgeschnitzten Baldachin thront, hinter einem Brokatvorhang verborgen, eine überlebensgroße Statue des Konfuzius in sitzender Stellung, auf dem ernsten, massigen Haupt der kaiserliche Beamtenhut mit den vor dem Antlitz herabhängenden Perlenschnüren, in den Händen der Beamtenstab, ein Machwerk aus später Zeit, aber doch packend dank der geheimnisvollen, mystisch wirkenden Aufstellung. Da ist eine Halle, wo Konfuzius studiert und unterrichtet haben soll, da sind solche Hallen, die der Frau, dem Vater, der Mutter des Konfuzius geweiht sind, in einer anderen sind hundertzwanzig Steinplatten in die Wände gemauert, deren klare Ziselierungen Szenen aus dem Leben des Konfuzius darstellen mit erklärendem Text. Andere Steine tragen in klaren Umrissen Bildnisse des Konfuzius, die man auf den berühmten Maler Gu Kaizhi, der im vierten Jahrhundert lebte, oder auf Wu Daozi [unser Bild] aus dem achten Jahrhundert zurückführt. Musikinstrumente, solche, von denen die Sage wissen will, daß Konfuzius selbst sie benutzt habe, stehen in einer weiteren, der Musikhalle. Da ist eine große, leicht bemalte Gitarre ohne Saiten und Steg, ein Holzinstrument in Gestalt eines liegenden Tigers, dessen Rücken einen aufrechtstehenden Kamm oder eine Raspel trägt, da sind bronzene Glocken und ein Glockenspiel mit vielen, klar abgetönten Glocken, die in einem hölzernen, von Hundslöwen getragenen, torartigen Ständer hängen [s. kleines Bild]. Ungepflegt, ungeordnet stehen die Instrumente umher, deren Art, nicht aber Alter auf die Zeit des Konfuzius zurückgehen mag. …… Seit Konfuzius um sechshundert v. Chr. die Staatsform Chinas geprägt hat, haben alle Dynastien, hat ganz China ihn geehrt und schließlich zum Gott erhoben. Kaum eine Stadt im weiten China, die nicht in einem Konfuziustempel ihm Opfer bringt! Was Revolutionen und Kriege in mehr als zweitausend Jahren an Tempeln und Denkmälern zerstörten, wurde jeweils wieder aufgebaut. Der Zustand, den wir heute erleben, ist zum größten Teil das Vermächtnis der glorreichen Regierung des Kaisers Yongzheng (1723- bis 1735), also für chinesische Begriffe neueren Datums. Anmerkung: Die Grundstruktur des Konfuziustempels hat sich seit dem Besuch des Ehepaars Fischer 1906 kaum verändert. Er ist heute eine berühmte touristische Attraktion.

B. Clever